Corona im Verlauf – Wie es der Bevölkerung bisher mit der Pandemie ergeht

Schlange vor einem Geschäft

Während Unternehmen, Institute und Universitäten ab März 2020 damit beschäftigt waren, ihre Prozesse den neuen Gegebenheiten anzupassen und Schutzmaßnahmen für die Belegschaft zu entwickeln, sind parallel unter massivem Zeitdruck einige empirische Studien mit unterschiedlichen Schwerpunkten rund um die Corona-Pandemie entwickelt worden.
Auch infas hat im März eine Studie aufgesetzt, die bis heute läuft. Im Fokus stand und steht dabei die Frage, wie die Bevölkerung die Auswirkungen der Epidemie bewertet. Für sich selbst, für die Gesellschaft, bezogen auf verschiedene Lebensbereiche.

Als Anfang des Jahres erste Medien über SARS-CoV-2 berichteten, jenes damals ominöse Virus, das sich in der hierzulande weitgehend unbekannten Stadt Wuhan ausbreitete, taten wohl die meisten das als den berühmten Sack Reis ab, der in China umgefallen war. Kaum jemand hatte zu diesem Zeitpunkt auch nur eine Ahnung davon, was da auf die Welt zukommen würde und wie sie sich binnen weniger Wochen ändern würde: Plötzlich zeigten die Nachrichtensender Bilder von Kühlwagen vor Krankenhäusern für die Toten, etwa in Bergamo oder New York, leere Autobahnen und Flughäfen, verwaiste Schulen, Büros und Geschäfte. Grenzen wurden geschlossen, Masken zur Pflicht. Bund und Länder brachten in kürzester Zeit ein gigantisches Konjunkturpaket auf den Weg, um Schaden abzuwenden, und setzten temporär Grundrechte außer Kraft. „Das Virus ist eine demokratische Zumutung“, so Kanzlerin Merkel auf ihrer Sommerpressekonferenz.

Die infas-Erhebung ist thematisch breit angelegt und umfasst die Einschätzung der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Auswirkungen der Situation auf die Bundesrepublik. Wir fragen auch nach den Sorgen und dem persönlichen Umgang mit der Pandemie.

Zur Studie:

Die Fragen zur Corona-Pandemie wurden im Rahmen der infasMehrthemenbefragung mit erhoben. Dabei handelt es sich um eine monatliche telefonische Befragung (Dual Frame, 60 Prozent Festnetz/40 Prozent mobil) von rund 1.000 Personen der Bevölkerung der Bundesrepublik ab 18 Jahren, basierend auf einer Zufallsstichprobe. Neben den Fragen zu den Auswirkungen der CoronaPandemie, die seit April 2020 erhoben werden, gibt es einen Fragenblock zum infas-Lebenslagenindex (ilex).

 

Zudem erheben wir, welche Auswirkungen insbesondere in Lockdown-Zeiten auf das Arbeitsleben, das Einkaufsverhalten und die Kinderbetreuung erlebt wurden. Nicht zuletzt messen wir Infektionserfahrungen, die direkt, im familiären oder weiteren Umfeld gemacht wurden.

Längsschnittuntersuchung mit Lebenslage

Zwei Eigenschaften zeichnen die infas-Erhebung aus. Sie ist keine Momentaufnahme, sondern wird seit April mit monatlich rund 1.000 Personen der deutschen Wohnbevölkerung ab 18 Jahren als  Längsschnittstudie durchgeführt. Sie eignet sich demnach dafür, Veränderungen im Zeitverlauf auszuweisen. Im Ergebnis entsteht ein detailliertes Bild vom Beginn der Pandemie bis zur vorsichtigen Rückkehr zur Normalität. Die Entscheidung, sich nicht auf eine Momentaufnahme zu beschränken, hat sich im Nachhinein als richtig herausgestellt. Die bisherige Entwicklung war keineswegs linear und absehbar: Nach dem Lockdown im Frühjahr gab es eine erste Entspannung und Erleichterung in den Sommermonaten, die inzwischen wieder in eine  Anspannung umgeschlagen ist. Zum Entstehungszeitpunkt dieses Artikels, im November, ist die zukünftige Entwicklung schwer zu prognostizieren.

Erwartungen für die kommenden Monate Diagramm

Eine weitere Eigenschaft, die die infas-Studie zur Corona-Pandemie besonders macht, ist, dass sie gemeinsam mit der Befragung zum infas-Lebenslagenindex (Ilex) durchgeführt wird. Dieser Indikator, der bereits seit 2007 von infas gemessen wird und über den im Lagemaß bereits mehrfach berichtet wurde, unterscheidet sich von anderen  Gesellschaftsindizes dadurch, dass er neben der ökonomischen Situation die Lebensbedingungen und die Zukunftserwartungen berücksichtigt. Erfragt wird für den Ilex beispielsweise, wie sehr man sich der Gesellschaft zugehörig fühlt, wie viel man sich im Vergleich zum eigenen Umfeld leisten kann, welche Erwartungen man an die eigene Zukunft und die der Bundesrepublik hat. Personen mit niedriger Lebenslage fühlen sich eher abgehängt und finanziell benachteiligt und sehen tendenziell pessimistisch in die Zukunft. Personen mit hoher Lebenslage hingegen sind nach eigener Ansicht fest in die Gesellschaft integriert, finanziell gut ausgestattet und haben positive Erwartungen an die Zukunft.

Sorgen bei niedriger Lebenslage

Der Ilex selbst und seine zahlreichen Einzel-Items zur Lebenssituation ermöglichen eine tiefgreifende Einordnung der Antworten auf die Corona-Fragen, die über die übliche Differenzierung nach soziodemografischen Eigenschaften weit hinaus geht.
Generell blickt die Bevölkerung seit Beginn der Krise relativ zuversichtlich in die Zukunft. Nach den Erwartungen für die kommenden sechs Monate gefragt, gibt im April nur ein Viertel an, einen Verdienstausfall zu befürchten – Tendenz sinkend. Nur 14 Prozent sorgen sich, ernsthafte Geldprobleme zu bekommen. In der Bevölkerungsgruppe mit einfacher Lebenslage haben laut unserer jüngsten  hier berichteten Messung im Oktober 41 Prozent die Befürchtung geäußert, ernsthaft in finanzielle Nöte zu kommen.
Hier und an anderer Stelle zeigt der Ilex, dass die deutsche Bevölkerung in der Art und Weise, wie sie die Corona-Pandemie gegenwärtig wahrnimmt, zweigeteilt ist: Personen mit einer niedrigen Lebenslage erleben die Bedrohungen durch das Virus völlig anders als solche mit mittlerer oder hoher Lebenslage. Besonders zu Beginn der Corona-Ausbreitung und zuletzt auch mit den steigenden Infektionszahlen befürchteten Erstere existenzielle Sorgen in allen Bereichen: Die Angst, selbst an dem Virus zu erkranken, aber auch, in diesem Fall nicht hinreichend medizinisch versorgt zu werden, ist deutlich ausgeprägter. Die Sorge, arbeitslos zu werden, ebenfalls. Während der Anteil derer, die im April Angst um ihren Arbeitsplatz hatten, insgesamt bei rund 10 Prozent liegt, befürchtete dies mehr als jeder Fünfte mit niedriger Lebenslage. Auch die Prognose für die eigene wirtschaftliche Zukunft, aber auch die der Bundesrepublik insgesamt fällt in dieser Bevölkerungsgruppe düsterer aus.
Menschen mit besserer Lebenslage hingegen waren wesentlich gelassener, sowohl was die eigene Situation betrifft als auch in der Einschätzung, wie robust Deutschland im Umgang mit der Krise und ihren Auswirkungen sein wird. Befragte mit hoher Lebenslage hatten im April beispielsweise deutlich weniger Angst davor, sich mit dem Coronavirus anzustecken (29 Prozent), als die mit mittlerer (38 Prozent) oder niedriger (41 Prozent) Lebenslage.
Zum ersten Höhepunkt der Infektionszahlen im April hat noch annähernd die Hälfte der Bevölkerung eine deutliche Einschränkung des Lebensstandards für die nächsten Monate erwartet. In den Sommermonaten ist der Anteil auf nur noch knapp ein Drittel gesunken, zuletzt näherte er sich wieder dem April-Wert an. Auch hier sind deutliche Unterschiede je nach Lebenslage messbar. Im Oktober etwa sorgten sich in der Bevölkerung mit hoher Lebenslage 10 Prozent, mit mittlerer 28 Prozent und mit niedriger 62 Prozent um ihren Lebensstandard. Gesundheitliche Einschränkungen werden in den vergangenen Monaten stabil von jedem Fünften erwartet. Im Oktober ist dieser Wert deutlich auf 31 Prozent angestiegen. Auch hier ist die Sorge bei Menschen mit niedriger Lebenslage mit einem Anteil von rund 50 Prozent wesentlich weiter verbreitet.

Unaufgeregte Einschätzung in der Bundesrepublik

Auch wenn die Bevölkerungsgruppe mit niedriger Lebenslage angespannter auf die Pandemie und ihre Folgen blickt, kann für die Gesamtbevölkerung eine entspannte Haltung konstatiert werden. Das mag damit zusammenhängen, dass Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern bisher glimpflich durch die Krise gekommen ist und vergleichsweise wenig Todesfälle zu beklagen hat. Die Mehrheit der Bevölkerung hat die Einschränkungen zur Eindämmung der Pandemie bisher gelassen genommen: Bürgerrechtliche Vorbehalte („Freiheit und Bürgerrechte in Gefahr“) bleiben angesichts des coronabedingten  „Exekutivföderalismus“ vergleichsweise niedrig und stabil um 30 Prozent. Der Anteil derer, die weitere Einschränkungen der Bürger- und Freiheitsrechte erwarten, ist seit dem Lockdown von 56 Prozent auf 38 Prozent im August deutlich gesunken und zuletzt wieder im Steigen begriffen. Diese Besorgnis ist im Grunde nicht weiter verwunderlich, wurden doch mit dem ersten Lockdown im Frühjahr und erneuten Einschränkungen ab November tatsächlich Bürger- und Freiheitsrechte eingeschränkt. Seit der ersten Befragung im April 2020, als im Zuge einer kurzfristig neuartigen Politikverflechtung zwischen Bund und Ländern erstmals umfangreiche Lockdown-Maßnahmen umgesetzt wurden, hat sich das Vertrauen der Bevölkerung in staatliches Handeln dynamisch verändert: Im April, während der weitreichenden Einschränkungen, gaben 45 Prozent der Bundesbürgerinnen und -bürger an, ihr Vertrauen in staatliches Handeln sei gestiegen. Dieser Wert ist mit der zwischenzeitlichen Beruhigung der Situation auf 26 Prozent im Oktober gesunken.
Der Aussage, dass die Krise zeige, dass das föderale System hinderlich für ein gutes Krisenmanagement sei, stimmt mehr als ein Drittel der Bevölkerung zu, ein knappes Drittel nicht und ein weiteres ist indifferent. Menschen mit höherem Bildungsabschluss lehnen die These mehrheitlich eher ab.
Dass durch die Corona-Krise die Schwächen des Gesundheitssystems  deutlich werden, konstatierten zu Beginn der Pandemie und im Oktober mehr als zwei Drittel der Bevölkerung. In den Sommermonaten war zwischenzeitlich nur mehr jeder Zweite dieser Meinung.

Exkurs: Arbeitswelt

Die Arbeitswelt in Deutschland ist bisher ohne größere Blessuren durch die Pandemie gegangen, mit Ausnahme der Gastronomie-, Hotellerie- und Eventbranche und der Selbstständigen insbesondere im künstlerischen Bereich. Eine deutliche Mehrheit hat während der Krise in etwa so weiter gearbeitet wie zuvor. Nur jeder Zehnte musste partiell deutlich mehr oder deutlich weniger arbeiten. Kompensiert wurde durch Abbau von Überstunden (21 Prozent) oder auch Kurzarbeit, Freistellungen oder Zwangsurlaub. Der Umgang der Unternehmen mit der Pandemie wird mehrheitlich gelobt, mit Ausnahme der Unterstützung bei der Kinderbetreuung. Hier waren alle Institutionen überfordert und Eltern auf sich selbst gestellt. Die Schutzmaßnahmen gegen das Virus, das Informationsverhalten der Geschäftsführung oder unmittelbaren Vorgesetzten und die Arbeitszeitregelung werden von den Beschäftigten überwiegend gut bewertet.
In den Branchen, wo es technisch überhaupt realisierbar ist, wurde auch die Option, im Homeoffice zu arbeiten, von einer großen Mehrheit begrüßt. Rund 34 Prozent nutzten diese Option – jeder Dritte, mittlerweile weniger als jeder Fünfte. Spitzenreiter sind dabei die Branchen Banken, Finanz- und Versicherungsdienstleister sowie Information und Kommunikation, in denen mehr als jeder Zweite auch im August noch ganz oder teilweise im Homeoffice tätig war.

 

Herbe, aber nicht existenzielle Einbußen

Zugleich hat kaum jemand Zweifel daran, dass Corona gravierende Auswirkungen auf die Wirtschaft haben wird. Es ist ein im Zeitverlauf stabiler Konsens, dass die Arbeitslosenquote in Deutschland aufgrund der Pandemie steigen wird. Praktisch alle Bundesbürger teilen diese Erwartung. Zwei Drittel der Bevölkerung waren im April überzeugt, dass die Wirtschaft durch die Pandemie überfordert wird. Dieser Wert ist zuletzt etwas gesunken, nachdem es erste Signale gab, dass die ökonomischen  Auswirkungen möglicherweise geringer sein werden als anfangs befürchtet. Etwa jeder zweite Bundesbürger befürchtete im April, dass sich der Staat zu sehr verschulden werde. Im Juni, als das umfassende Corona-Konjunkturpaket verabschiedet wurde, waren sogar 63 Prozent davon  überzeugt.

Exkurs: Einkaufsverhalten

Kein Klopapier, keine Nudeln, keine Hefe. Der Eindruck, dass die ganze Republik mit Beginn von Pandemie und Lockdown zu hamstern begonnen hat, täuscht: Die große Mehrheit, nämlich 77 Prozent, gab im April an, ihr Einkaufsverhalten nicht geändert zu haben. Rund 10 Prozent kauften nach eigenen Angaben mehr online und 7 Prozent ließen sich Waren liefern. Nur knapp jeder Zehnte (9 Prozent) hat tatsächlich mehr als sonst gekauft und Vorräte angelegt. Die Gründe für das Hamstern lagen dabei vor allem in der Befürchtung, dass es zu einem umfassenderen Ausgangsverbot kommen werde, das auch Einkäufe mit einschließt, und der generellen Einstellung, dass es wichtig sei, in Krisensituationen Vorsorge zu treffen. Eine Studie, die infas für DIE ZEIT durchgeführt hat, kommt zu dem Ergebnis, dass die Corona-Pandemie nur wenig Einfluss auf das künftige Konsumverhalten der Bundesbürger haben wird. Eine große Mehrheit will nach der Krise wieder zu ihrem ursprünglichen Konsumverhalten zurückkehren. Ein Wandel zu vermehrtem Online-Shopping oder zu einem nachhaltigeren Konsum, wie es zuweilen in den Medien postuliert wird, ist nicht abzusehen.

 

Lediglich ein Drittel befürchtet indes, dass die Renten künftig nicht mehr sicher seien. Insbesondere die Rentner selbst haben hier selten Sorgen. Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass zwar deutliche Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Wirtschaft, allerdings keine existenzielle  Gefährdung erwartet werden.
Kaum jemand bezweifelt, dass die Corona-Pandemie den digitalen Wandel beschleunigt. Ursächlich für dieses Ergebnis dürfte der kurzfristig starke Anstieg der Arbeit aus dem Homeoffice sein. Auch die massiv gestiegene Zahl der Videokonferenzen als Ersatz für Geschäftsreisen, hat wohl zu dem Eindruck beigetragen. Am ehesten zweifeln Schüler und Studenten diese Aussage an, obwohl sie vielfach nach Hause in den digitalen Unterricht geschickt wurden. Möglicherweise war in ihrem Alltag die Digitalisierung bereits vor der Krise so weit fortgeschritten, dass die digitalen Neuerungen durch Corona nicht weiter beeindrucken.

Das neue Normal nach Corona?

Während die Fortschritte in der Digitalisierung vermutlich die Pandemie überdauern werden, wird spekuliert, ob auch weitere positive Effekte auf die Gesellschaft zu erwarten sind. Die These lautet, dass der harte Einschnitt durch Corona dazu führen wird, bestimmte Verhaltensweisen zu ändern oder Wertvorstellungen zu hinterfragen. In der Bevölkerung herrscht eine differenzierte Einschätzung dazu, die sich mit der Zeit gewandelt hat. Besonders zu Beginn der Pandemie und während des ersten Lockdowns war die Zuversicht groß, dass es zu positiven Veränderungen kommen werde: So waren im April 45 Prozent der Ansicht, dass der Zusammenhalt in der Gesellschaft größer wird. Inzwischen, mit einer gewissen Normalisierung der Situation, ist etwas Ernüchterung eingetreten und nur mehr 26 Prozent glaubten im Oktober noch daran.

Auswirukungen der Corona-Krise

Zu Beginn der Pandemie war jeder dritte Bundesbürger überzeugt, dass die Corona-Krise auch positive Folgen für ihn haben wird. Die Zustimmung zu dieser Aussage ist zwischenzeitlich leicht auf 22 Prozent zurückgegangen. Dass die Krise dazu beitragen wird, dass die Kluft zwischen Arm und Reich kleiner wird, hält die Mehrheit der Bevölkerung für eine Illusion. Gerade einmal 14 Prozent hatten im Frühsommer diese Hoffnung, Tendenz deutlich sinkend auf zuletzt 8 Prozent.
Auch wenn die Bevölkerung eher skeptisch ist, dass auf die Pandemie ein „neues Normal“ im positiven Sinne folgt, ist die Stimmung insgesamt bisher nicht wesentlich getrübt. Der Gesamtwert des infas-Lebenslagenindex ist seit Beginn der Pandemie überraschenderweise auf neue Höchstwerte gestiegen. Im Vorjahresvergleich legte er um mehr als drei auf stabile 61,5 Punkte zu. Dabei sind die Teilindizes „Lebenssituation“, „Ökonomische Situation“ und „Zukunftserwartungen“ gleichermaßen gestiegen. Das Plus gilt zudem für alle Teile der Bevölkerung dem Trend nach – auch für die mit niedriger Lebenslage. Lediglich in der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen, insbesondere bei Schülern und Studenten ist der Indexwert im Oktober wieder leicht zurückgegangen.
Für den im Trend mit der Krise gestiegenen Ilex-Wert gibt es keine einfache Erklärung, eine vertiefende Forschung ist erforderlich. Es kann vermutet werden, dass die Pandemie bisher als Ausnahmesituation wahrgenommen wird, die für die Mehrheit der Bevölkerung (noch) keine gravierenden Auswirkungen hat. Bisher wurde erfolgreich verhindert, dass die Gesellschaft einen Statusverlust oder eine Verschlechterung der Lebenslage erleidet. Dazu tragen staatliche Konjunktur- und Unterstützungsprogramme bei und sicherlich auch der Umstand, dass die Situation in zahlreichen anderen Ländern deutlich schlechter ist.

Exkurs: Kinderbetreuung

Die Betreuung von Kindern gehört zu den Aspekten, die in Deutschland am wenigsten geklappt haben. Als die Betreuungseinrichtungen lockdownbedingt schließen mussten, waren die Eltern und Erziehungsberechtigten zu großen Teilen auf sich gestellt und mussten improvisieren. 91 Prozent gaben im April an, dass entweder sie selbst oder der zweite Elternteil überwiegend die Betreuung tagsüber übernimmt. Jeder Zehnte (11 Prozent) spannt die Großeltern – altersbedingt Risikogruppe – ein. Bei 19 Prozent übernehmen Geschwister des Kindes und bei 12 Prozent Verwandte oder Bekannte die Betreuungsaufgabe.

 

Konkrete Viruserfahrungen

Die infas-Erhebung bestätigt, was ja auch die Zahlen des Robert-Koch-Instituts aussagen: Der Anteil derer, die konkrete Erkrankungserfahrungen haben, ist immer noch eher gering. Auch im September geben noch über 80 Prozent an, keine direkte oder indirekte Erfahrung mit einer Corona-Erkrankung gemacht zu haben. Annähernd jeder Zehnte kennt jemanden am Arbeits- oder Ausbildungsplatz, der erkrankt ist, weitere 8 Prozent berichten über Erkrankte im Bekanntenkreis. Interessanterweise sind es vor allem die Altersgruppe von 45 bis 64 Jahren und Personen mit Kindern im Haushalt, die vermehrt von Erkrankten im weiteren Umfeld berichten.
Rund 5 Prozent haben nach eigenen Angaben einen Corona-Fall in der Familie. Der Anteil derer, die selbst bereits einmal erkrankt sind oder direkt im Haushalt einen Fall haben, liegt im sehr niedrigen einstelligen Prozentbereich. Die Erfahrung mit angeordneter Quarantäne ist etwas ausgeprägter. Über Quarantänefälle im engeren Umfeld berichtet allerdings ebenfalls nur ein einstelliger Prozentanteil der Bevölkerung, und um die 10 Prozent tun dies für ihr weiteres Umfeld.
Entsprechend ist auch die Angst, sich selbst anzustecken, eher gering. Zu Beginn der Pandemie waren etwa 35 Prozent der Bevölkerung besorgt. Dieser Wert ist zwischenzeitlich auf 21 Prozent im Juni gesunken und bis Oktober parallel mit den steigenden Infektionszahlen wieder auf den Ausgangswert gestiegen. Bei den Frauen ist der Anteil der Besorgten etwas höher (34 Prozent) als bei Männern (31 Prozent). Auch in der Gruppe der 55- bis 64-Jährigen ist die Ansteckungssorge ausgeprägter (41 Prozent) als in den unteren, aber auch der Altersgruppe 65 Jahre und älter: Hier ist jeder Dritte ernsthaft besorgt.

Schneller Stimmungswechsel möglich

Festzuhalten bleibt, dass die konkreten gesundheitlichen Auswirkungen auf die Bevölkerung – von Einzelschicksalen abgesehen – gering geblieben sind. Größer als die Sorge um die eigene Gesundheit ist die Sorge um die der Eltern oder Großeltern. Dass das Virus für die meisten in der Praxis bisher eher harmlos geblieben ist, entspannt die Beurteilung der Gesamtsituation, trägt aber auch dazu bei, dass die Bereitschaft, sich an Schutzmaßnahmen zu halten, teilweise nur eingeschränkt vorhanden ist. Zum Zeitpunkt, als dieser Artikel geschrieben wurde, Anfang November, ist dies angesichts der deutlich steigenden Fallzahlen besorgniserregend.
Die bisherigen Studienergebnisse deuten darauf hin, dass die zu konstatierende Gelassenheit der Bevölkerung nachvollziehbare Gründe hat und schnell kippen kann, wenn die Rahmenbedingungen nicht mehr gewährleistet sind. Sollten Erkrankungen deutlich zunehmen, die Politik Quarantänen im großen Stil anordnen oder die finanzielle Unterstützung reduzieren oder kappen, ist ein deutlicher Stimmungswechsel zu erwarten. Bereits jetzt ist die zwischenzeitliche Entspannung, die sich in den Sommermonaten nach der erste Infektionswelle zeigte, wieder verflogen. In vielen Aspekten entspricht die Bewertung der Situation der Bevölkerung im Oktober wieder weitgehend der im April.
Die Zusatzerhebung zu Corona, die infas im Rahmen der infas-Mehrthemenbefragung durchführt, wird auch in den kommenden Monaten fortgeführt. Im Abgleich mit den weiteren Entwicklungen und politischen Maßnahmen (siehe auch Seite 10) wird sie die Änderung in den Einstellungen der Bevölkerung messen, und wir werden auch in der nachfolgenden Lagemaß-Ausgabe berichten.

Persönlicher Umgang mit der Corona-Krise

Zum Weiterlesen:
Scholz, J. (2020): Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Lebenssituation der Bevölkerung. Studienergebnisse zu Corona im Mai 2020
Scholz, J., Steinwede, J. (2020): Vertrauen der Bevölkerung in coronabedingten „Exekutivföderalismus“ sinkt. Studienergebnisse zu Corona im Juni 2020