Dem Datenschatten auf der Spur

Draufsicht: junge Menschen gehen, lange Schatten

Wer kennt es nicht, das unbehagliche Gefühl, das sich einstellt, wenn wir an unsere täglichen Spuren im Netz denken und uns fragen, was mit den digitalen Fußabdrücken passiert, die wir bei der Nutzung von Smartphones, Internet und „smarten“ Anwendungen hinterlassen?

Im Auftrag des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) führte infas 2018 eine Studie zum „Datenschatten“ durch. Untersucht werden sollte, welche persönlichen Daten Verbraucherinnen und Verbraucher digital im Alltag tatsächlich hinterlassen und wie Unternehmen diese nutzen. Die Studie zielte nicht auf repräsentative Aussagen, sondern sollte Zusammenhänge aufdecken. Über 200 Studien teilnehmerinnen und -teilnehmer gewährten infas in einer dreimonatigen Feldphase Einblicke in ihre Smartphone und Internet-Nutzung. Mehrfache Online-Befragungen und eine speziell hierfür entwickelte Smartphone-App (App „Tracy“) maßen das Verhalten und die Aktivitäten der Teilnehmer.
Zusätzlich wurden 30 auf dem deutschen Markt tätige, marktrelevante Unternehmen um Auskunft gebeten, welche Daten ihnen von den Studienteilnehmern vorliegen und zu welchen Zwecken sie diese verwenden. Dafür stellte infas im Auftrag der Projektteilnehmer Anträge auf Datenselbstauskunft nach § 34 BDSG – eine noch nie in einer sozialwissenschaftlichen Studie praktizierte Form der Datenerhebung.

schematische Darstellung der Verbraucherspuren

Ein Modell des Datenschattens

Der Datenschatten eines Verbrauchers wurde defi niert als Gesamtheit aller über ihn erhobenen Daten, verteilt über die speichernden Institutionen. Darüber hinaus streut er in solche, die selber keine Daten speichern, jedoch über andere Institutionen jederzeit darüber verfügen können. Untersuchungsgegenstand für die vorliegende Studie war einerseits der wahrgenommene Datenschatten, der durch Befragung der Projektteilnehmer ermittelt wurde, andererseits der tatsächliche, der bei den Institutionen ermittelt wurde.
Die Resultate der insgesamt knapp 5.000 Anträge auf Selbstauskunft fielen nicht wie erwartet aus. Insgesamt verweigerten 17 der 30 Unternehmen hier die Teilnahme. Begründet wurde das mit unterschiedlichen Argumentationen, weshalb der § 34 BDSG aus Unternehmenssicht nicht angewendet werden könne. Insgesamt ergab sich die aus Projektsicht bedauerliche, aber inhaltlich aufschlussreiche Einsicht, dass Quantität und Qualität des Datenschattens mit dem Instrument der informationellen Selbstauskunft nicht verlässlich empirisch ermittelt werden können.
Informationen zu Ableitungen enthalten selbst die erteilten Auskünfte nur sehr eingeschränkt. Selbst vollständige Rückmeldungen hätten sich vermutlich in der Angabe statistischer Daten erschöpft. Ihre Nutzung würde daher die Komplexität des tatsächlich bereits bestehenden Datenschattens deutlich unterschätzen.
Um sich dem Datenschatten ersatzweise auch ohne Unterstützung von Unternehmensseite empirisch anzunähern, wurden Ergebnisse aus den Befragungen sowie der Beobachtung über die App „Tracy“ in einem näherungsweisen „Datenschatten-Index“ miteinander kombiniert.

Ein mehrdimensionaler Datenschattenindex

Genutzt wurden die Befragungsdaten über die Anzahl von Online-Konten, die Nutzung „smarter“ Geräte, persönlich getroffene Sicherheitsmaßnahmen, genutzte Websites und Art der Kontakte mit den betreffenden Unternehmen. Eine weitere Datenquelle bilden die via „Tracy“-App erhobenen Kennwerte zu den auf dem Smartphone installierten App-Prozessen, zu Nutzungsdauern und GPS-Tracking. Beide Datenquellen wurden in einem „Datenschattenindex“ zusammengeführt und multivariat statistisch gewichtet.
Der Index gibt insbesondere darüber Auskunft, ob und inwieweit sich Personen mit besonders hoher von solchen mit mittlerer oder niedriger Online-Aktivität unterscheiden. Zu erwarten wären Differenzen, die zumindest proportional zur gemessenen Aktivität sind. Also ein sehr großer Datenschatten bei Befragten mit hoher und ein entsprechend kleinerer bei Befragten mit geringer Aktivität. Das Ergebnis zeigt, dass sich dies deutlich moderater verhält als angenommen. Die Datenschattenwerte liegen für die untersuchten Gruppen relativ eng beieinander. Also weisen auch Personen mit der Einstufung einer geringen Aktivität einen bereits recht hohen Datenschattenindex auf. Der Daten schatten wächst bereits heute weitgehend unabhängig von individuellem Handeln. Dies wird in den nächsten Jahren aller Voraussicht nach mit hoher Dynamik zunehmen, sodass sich individuelle Datenschattenvolumen immer mehr angleichen. Zudem lässt sich ableiten, dass bereits wenige Alltagsaktivitäten genügen, um eine größere Anzahl von Datenspuren zu hinter lassen. Der Datenschatten ist kein überschaubares, quasi statistisches digitale Abbild einer analogen Person, sondern weist eine sehr viel höhere Dynamik auf. Die Einflussmöglichkeiten der Verbraucher auf die Vermeidung von Datenspuren stellen sich als relativ begrenzt heraus. Ein Rückzug aus digitalen Angeboten ist wenig realistisch und Verbraucher können die Nutzung ihrer heute bereitgestellten Daten in der Zukunft nicht voraussehen.

Anstöße für die Verbraucherpolitik

Die vorliegenden empirischen Ergebnisse über das Verhalten und Erleben einer an Datenthemen besonders interessierten Verbraucherstichprobe gibt Anstöße für die künftige Verbraucherpolitik in diesem Feld und regt dazu an, eine Regulierung des Datenschattens in erster Linie nicht von der Entstehungsseite und der bisherigen Entwicklung aus anzugehen, sondern ihn stattdessen von seinen zukünftigen Potenzialen aus zu betrachten und verbraucherpolitisch wie gesetzgeberisch zu begleiten. Dies gilt umso mehr, wenn ins Bewusstsein rückt, dass individuelle Datenspuren nicht nur Spuren sind, sondern bereits gegenwärtig und zukünftig zunehmend zu individuellem ökonomischem Kapital werden, das einem Verbraucher ähnlich wie der Inhalt seiner Geldbörse den Zugang zu bestimmten Dienstleistungen ermöglicht. Die befragten Probanden äußern die Erwartung eines komplexen und verantwortungsvollen Handlungsfelds – nicht zuletzt mit Blick auf die verantwortlichen Institutionen. Dem Gesetzgeber sowie den Vertretern von Staat und Politik wird dabei im Schutz von Verbraucherdaten eine maßgebliche Verantwortung zu geschrieben. Auch die möglichen Nutznießer eines Datenschattens auf Unternehmensseite werden hier in hohem Maße in der Pflicht gesehen. Daher wird es auf eine Regulierung ankommen, die dem Verbraucher verbesserte Möglichkeiten für selbstbestimmte Entscheidungen an die Hand gibt und ihn gleichzeitig an anderer Stelle schützt.

Zum Weiterlesen:
Studie „Verbraucherspuren in der Digitalen Welt – Wie groß und wie nutzbar ist der Datenschatten?“
„Studienwebsite Datenspuren“

Foto: Tom Barrett