Erwerbsleben als Teilhabegarantie?

Einzelhandelsverkäuferin

Teilhabe und Lebenszufriedenheit sind subjektive Konstrukte. Objektiv schwer operationalisierbar drücken sie individuelles Lebensgefühl und das Eingebundensein in soziales Leben aus. Mit dem ilex, dem infas-Lebenslagenindex, hat infas schon 2007 einen entsprechenden Indikator entwickelt. Er ist seitdem achtmal mit jeweils 1.500 Interviews erhoben worden – zuletzt 2016 und immer repräsentativ für die Bevölkerung ab 18 Jahre. Er setzt sich aus drei Dimensionen zusammen. Diese umfassen – operationalisiert über eine ganze Reihe von bewährten Fragestellungen – die empfundenen Lebensbedingungen im Vergleich zum eigenen sozialen Netzwerk, die eigene wirtschaftliche Lage und individuelle Zukunftsaussichten. Verbunden zu einem Gesamtkonstrukt ist der ilex ein Maß für die subjektive Lebenszufriedenheit in Deutschland.

Wie die Abbildung der Zeitreihe von 2007 bis 2016 zeigt, verändert sich der ilex-Wert für einzelne Bevölkerungsgruppen von Jahr zu Jahr nicht wesentlich. Eine hohe Dynamik würde sogar dem Sinn des ilex als einem langfristig angelegten Instrument widersprechen. Trotzdem sind natürlich Unterschiede erkennbar. Das Verhältnis der vier dargestellten gesellschaftlichen Gruppen zueinander verändert sich jedoch kaum. Insbesondere der oft diskutierte Abstand zwischen „oben und unten“ wächst bei diesem subjektiv geprägten Indikator nicht.

ilex – Der Lebenslagenindex

Der Lebenslagenindex ilex ist ein vom infas berechneter subjektiver Sozialindikator für die Bundesrepublik Deutschland.
Er stellt Informationen zur gesellschaftlichen Ungleichheit in Deutschland zur Verfügung. Die Trenderhebungen zeigen im Zeitverlauf Fortschritte oder Rückschritte der Lebenslagen der Bürgerinnen und Bürger. Sie verweisen auf Prozesse sozialer Exklusion sowie auf gruppenspezifische Risiken.
Der ilex erfasst dabei die Dimensionen „Lebensbedingungen“, „individuelle Lage“ und „Zukunftserwartung“. Er wird seit 2007 in bislang neun Wellen in bundesweit repräsentativen Bevölkerungsbefragungen mit jeweils unabhängigen repräsentativen Stichproben und einem Umfang von 1.500 Interviews erhoben. Die Einstufung zum ökonomischen Status (in fünf Kategorien von sehr niedrig bis sehr hoch) wurde anhand einer empirischen Matrix aus Haushaltsnettoeinkommen und gewichteter Haushaltsgröße vorgenommen.

 

Mit zunehmender Laufzeit liegt eine besondere Stärke des ilex nicht nur in der Betrachtung der Zeitreihe. Bei einer Gesamtzahl von inzwischen knapp 13.000 Interviews bildet er mittlerweile nicht nur im Zeitverlauf eine solide Grundlage, sondern auch darüber hinaus für die Betrachtung einzelner oft spezieller Bevölkerungsgruppen. Da liegt es nahe, bei einem Blick auf „Arbeitswelten“ der Frage nachzugehen, ob verschiedene Gruppen von Erwerbstätigen sich in ihrer subjektiven Lebenszufriedenheit von Nicht-Erwerbstätigen unterscheiden und ob die Erwerbstätigkeit dabei ein erklärender Faktor ist.

Teilhabe und Lebensempfinden bei Berufstätigen

Dazu wurden unterschiedliche Gruppen gebildet. Für jede von ihnen werden sowohl der ilex-Gesamtwert als auch die Einzelwerte der drei Dimensionen betrachtet, aus denen sich der Index zusammensetzt. Auf den ersten Blick sind dabei kaum Differenzen zwischen verschiedenen Segmenten der Erwerbstätigen erkennbar. Sowohl Vollzeit-Beschäftige als auch in Teilzeit tätige Befragte erreichen im Mittel einen ilex-Wert von etwa 60 Punkten. Sie liegen damit etwas über dem Bevölkerungsschnitt von 58 Punkten. Signifikant niedriger fällt der Wert jedoch für Personen aus, die nur einer unregelmäßigen Tätigkeit nachgehen, hier zusammengefasst in der Gruppe der „anderweitig Erwerbstätigen“. Sie erreichen einen Indexwert von etwa 53, haben mit etwa zwei Prozent aber einen nur geringen Anteil an der Bevölkerung. Noch geringer als ihr Indexwert ist der der zum Befragungszeitpunkt arbeitslos gemeldeten Befragten. Sie machen einen Anteil von 5 Prozent der Stichprobe aus und verzeichnen mit nur etwa 45 Punkten den geringsten Indexwert aller ausgewiesenen Gruppen. Dies belegt, dass die mit Unsicherheit behafteten Lebenssituationen in wechselnden Kleinstbeschäftigungen oder einer Arbeitslosigkeit zu deutlichen Einschränkungen im subjektiven Teilhabe- und Zufriedenheitsempfinden führen. Anders verhält es sich dagegen bei Personen, die sich noch in Ausbildung befinden oder studieren, also am oder vor dem Beginn ihres Erwerbslebens stehen. Ihr ilex-Wert ist mit 63 bis 65 Punkten signifikant überdurchschnittlich. Dies ist – so legen es die bei den Auszubildenden und Studenten hohen Werte in der Teildimension „Zukunftserwartungen“ nahe – vor allem mit dem in der Regel optimistischen Blick auf die erwartete eigene Entwicklung verbunden.

ilex 2007 bis 2016

Zufriedenheit und Nicht-Erwerbstätigkeit

Werden im Gegensatz zu den Personen im Berufsleben die Nicht-Erwerbstätigen in den Fokus gerückt, ergeben sich oft leicht unterdurchschnittliche ilex-Werte. Relativ gering fällt das Index-Ergebnis für die etwa 4 Prozent umfassende Gruppe der Personen aus, die überhaupt nicht berufstätig sind, noch nicht in der Rentenphase sind und sich als ausschließlich im eigenen Haushalt tätig beschreiben. Sie fallen in allen ilex-Teildimensionen sowie im Gesamtwert etwas hinter den Bevölkerungsdurchschnitt zurück – ein nicht besonders starkes, aber vielleicht beachtenswertes Indiz dafür, dass Teilhabe und Zufriedenheit in einer solchen Lebensplanung oder vorübergehenden Lebensphase etwas schwächer ausgeprägt sind? Anders sieht es dagegen bei den Rentnern aus. Die große Gruppe derjenigen, die endgültig in dieser Lebenssituation angekommen sind, zeigt einen etwas unterdurchschnittlichen und die kleine Gruppe der Rentner, die zusätzlich noch einer begrenzten bezahlten Tätigkeit nachgehen, einen etwas überdurchschnittlichen Indexwert. Beide liegen jedoch nahe am Bevölkerungsmittel. Auch in der Teildimension, die die empfundenen individuellen Zukunftsaussichten beschreibt, rangieren sie dicht am Wert der Gesamtbevölkerung. Unter dem Strich sind also gute durchschnittliche Teilhabe- und Zufriedenheitswerte für die Ruheständler zu konstatieren.

Mehr als Mittelwerte – die Verteilung von Lebenslagengruppen

Bisher haben wir in der Ergebnisdarstellung auf die ilex-Mittelwerte für die betrachteten Gruppen zurückgegriffen. Dies ist eines von mehreren möglichen, gut zugänglichen Beschreibungsmaßen, sagt aber oft zu wenig über die dahinterliegenden Verteilungen. Dem soll eine Gruppierung des ilex-Gesamtwerts in drei Lebenslagengruppen abhelfen. Je nach ilex-Wert ergibt sich so eine Einstufung in eine niedrige, eine mittlere und eine hohe Lebenslage. Die Gesamtbevölkerung verteilt sich dabei im Verhältnis von 21 Prozent in der niedrigen, zu 57 Prozent in der mittleren und 22 Prozent in der oberen Gruppe. Wie diese Verteilung in den ausgewählten Segmenten nach Berufstätigkeit und Nicht-Berufstätigkeit ausfällt, zeigt die folgende Grafik. Das Augenmerk soll dabei vor allem auf die jeweils nach links abgetragenen Anteile der Befragten aus den jeweiligen Tätigkeitssegmenten mit einer niedrigen Lebenslage gerichtet werden. Hier bestätigt sich der hohe Einfluss einer krisenhaften Lebenssituation – wie etwa eine momentane Arbeitslosigkeit – auf die gespürte Lebenslage. Unter den Arbeitslosen zählt mehr als jeder Zweite zu der Gruppe mit einer niedrigen Lebenslageneinstufung. Wesentlich schwächer ausgeprägt, aber immer noch auffällig, sind Anteile zwischen 20 und 25 Prozent in der „niedrigen Lebenslage“, die unsere Ergebnisse für Rentner und im eigenen Haushalt beschäftigte Nicht-Erwerbstätige ergeben. Umgekehrt zeigen sich im Ausmaß vielleicht überraschend große Anteile in der „hohen Lebenslage“ für Auszubildende und Studierende. Etwa ein Drittel der Befragten mit diesem Tätigkeitsstatus fällt in diese Lebenslagengruppe. Wie kann dies interpretiert werden? Gute Zukunftsaussichten auf der einen, aber vor allem Unsicherheit und materielle Risiken ohne Aussicht auf Veränderung auf der anderen Seite sind ausschlaggebend für diese gegensätzlichen Befunde.

Differenzierte Indexwerte nach Erwerbsstatus

Noch immer mehr Lebensglück als Beamter?

Soweit ein Überblick über die zentralen Teilgruppen bei einer Unterscheidung zwischen Erwerbstätigen und Nicht-Erwerbstätigen. Doch wie verhält es sich bei den in Vollzeit oder Teilzeit Berufstätigen, wenn die Perspektive um den beruflichen Status erweitert wird? Hierzu steht in der ilex-Befragung die berufliche Stellung zur Verfügung. Sie unterscheidet recht klassisch und robust zwischen Arbeitern, Angestellten, Beamten und Selbstständigen.
Diese Differenzierung und die sich dann ergebenden ilex-Werte zeigen, dass unter der Oberfläche in der Gruppe der Erwerbstätigen deutliche Unterschiede zutage treten. Diese Abweichungen laufen noch immer entlang der üblichen Erwartungen. Den mit Abstand geringsten ilex-Wert verzeichnen die „Arbeiter“. Er stoppt bereits bei 55 Punkten im Durchschnitt. Erneut im Mittel aller Befragten liegen mit 61 Punkten die „Angestellten“. Sie werden übertroffen von den „Selbstständigen“, für die 63 Indexpunkte zu registrieren sind. Dieser Wert wird von den Beamten sogar noch überschritten. Ihre Marke erreicht fast 67 Punkte, getragen von einem besonders hohen Wert bei der Dimension der „Zukunftserwartungen“. Dass sich dies in einem besonders großen Anteil unter den Beamten mit einer hohen Lebenslage auswirkt, ist damit folgerichtig. Er liegt bei 40 Prozent, während die entsprechenden Anteilswerte für die Arbeiter nur bei 15 Prozent, für die Angestellten bei 27 und die Selbstständigen bei 32 Prozent rangieren.

Lebenslagenindex nach Erwerbsstatus

Gehen Arbeitsplatzzufriedenheit und Lebensgefühl Hand in Hand?

Erneut zeigt sich, dass Sicherheit und gute Zukunftserwartungen offenbar wichtige Treiber für die subjektive Bewertung von Teilhabe und Lebenszufriedenheit bilden. Daher soll ein noch genauerer Blick auf die Auswirkung derartiger Faktoren innerhalb der Gruppe der Personen, die im Berufsleben stehen, gerichtet werden. Dies ist für die berufstätigen Befragten in der ilex-Erhebungswelle 2016 möglich. Hier haben wir über das Standardprogramm hinaus eine ganze Reihe von Wahrnehmungen und Bewertungen der eigenen Arbeitsplatzsituation erhoben. Dazu gehörten beispielsweise die Frage nach der Gesamtzufriedenheit mit der Arbeitssituation, Aussagen zur Beurteilung des eigenen Einkommens sowie nach der Empfindung, die „Arbeit sei mehr als ein Job“. Werden diese Antworten mit dem gebildeten ilex-Wert verknüpft, zeigt sich ein hoher Zusammenhang, vor allem zwischen der empfundenen Einkommenszufriedenheit und dem ilex-Wert. Eine entsprechende Korrelation erreicht einen Koeffizienten von 0.4. Auch zwischen der Gesamtzufriedenheit mit dem Arbeitsplatz und dem ilex besteht ein signifikanter Zusammenhang. Dieser Korrelationskoeffizient weist einen Wert von 0.35 auf. Deutlich schwächer ist jedoch die Beziehung zwischen dem Ausmaß, inwieweit die eigene Tätigkeit „als mehr als ein Job“ empfunden wird, und dem ilex-Wert.

Sicherheit erleichtert Glück und Krisen schaffen Krisen

Eine hohe Arbeitsplatz- und Einkommenszufriedenheit sind also deutliche Schubfaktoren für die subjektive Lebenszufriedenheit. Dennoch können auch Personen, die nicht erwerbstätig sind, eine vergleichbare Lebenszufriedenheit haben – solange sie nicht ungewollt arbeitslos sind. Zusammen mit positiven Zukunftserwartungen und dem Gefühl des Abgesichertseins verstärken sie die individuell empfundene Lebenszufriedenheit. Umgekehrt zeigen die Ergebnisse, dass Krisensituationen wie ein unsicherer Arbeitsplatz, eine Phase der Arbeitslosigkeit oder eine unterdurchschnittliche wirtschaftliche Sicherheit diese Empfindung und das Teilhabegefühl ganz erheblich negativ beeinflussen können. Doch ist das Berufsleben nicht alles. In den vorgestellten Resultaten wird auch erkennbar, dass eine Erwerbstätigkeit für sich genommen weder Voraussetzung noch Garantie für ein gutes Teilhabe- und Lebensempfinden ist. Dies ist mit anderen Lebensentwürfen ebenso realisierbar, ein Mindestmaß an Sicherheit vorausgesetzt.

Zum Weiterlesen:
Maike van den Boom: Wo geht’s denn hier zum Glück? Meine Reise durch die 13 glücklichsten Länder der Welt und was wir von ihnen lernen können, 2016.