ilex, der neue infas Lebenslagenindex

Der infas-Lebenlagenindex (ilex) ist ein von infas entwickelter Sozialindikator für die Bundesrepublik Deutschland. Der ilex beobachtet gesellschaftliche Ungleichheit in der Bundesrepublik.

Die Trenderhebungen zeigen Lebenslagen der Bürgerinnen und Bürger. Sie weisen auf Prozesse sozialer Exklusion und gruppenspezifische Risiken. Der ilex wird seit 2007 in bislang fünf Wellen in repräsentativen Bevölkerungsbefragungen mit exklusiven Stichprobenziehungen bei fester Stichprobengröße von jeweils 1.500 Personen erhoben. Bei der Errechnung des Index gehen differenzierte Angaben der Befragten zu ihren wirtschaftlichen Lebensbedingungen, zur Einschätzung der eigenen Lage und zu Zukunftserwartungen ein. Mittels multivariater Berechnungen werden die Einzelangaben zu einer Maßzahl mit Werten zwischen 0 und 100 für die beste Lebenslage verdichtet.

Wirtschaft und Gesellschaft werden in Deutschland heute vielfach in Zahlen vermessen. Es gibt regelmäßige Veröffentlichungen von Indikatoren und Indizes in den Medien. Informieren diese Zahlen aber hinreichend über das Soziale? Und was zeigt der von infas neu entwickelte Lebenslagenindex – der ilex?

„In den Medien werden die Probleme oft reduziert auf wahrnehmbare Armut. Das ist die Armut, die wir auf der Straße sehen. Was aber zunimmt, das ist die nicht so einfach wahrnehmbare Not.“  Jacob Steinwede

„Ja, zu uns kommen Menschen in besonderen sozialen Schwierigkeiten. Sie können hier verschiedene Hilfemaßnahmen in Anspruch nehmen, zum Beispiel Basishilfen wie duschen und essen. Sie können hier ärztliche und pflegerische Behandlungen erhalten oder ein Beratungsgespräch mit einem Sozialarbeiter führen.“ Die Pressesprecherin des gemeinnützigen Vereins für Gefährdetenhilfe e.V. (VfG) in Bonn, Susanne Fredebeul, erläutert in nüchternem Ton ein umfassendes Hilfeangebot. Seit 15 Jahren organisiert sie die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins für Gefährdetenhilfe, einer Hilfeorganisation für besonders hilfebedürftige Menschen. Für Menschen, die an jenem immer weniger klar zu verortenden „Rande“ der Gesellschaft stehen, wo man aus dem sozialen Netz herauszufallen droht oder aber bereits herausgefallen ist. Seit 1977 hat der Verein, für den heute 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tätig sind, zahlreiche Arbeits-, Sozial- und Rehabilitationseinrichtungen gegründet, deren Aufgabe es ist, sowohl in unmittelbarer Not zu helfen als auch mittel- und langfristig wieder einzugliedern, etwa Langzeitarbeitslose mit besonderen Vermittlungshemmnissen. Entstanden ist ein eng vernetztes Hilfesystem mit Betreuungszentren (von der drogentherapeutischen Ambulanz bis zum Wohnheim), therapeutischen Hilfen und einem breiten Angebot handwerklicher Betriebe, die eine Heranführung an den allgemeinen Arbeitsmarkt unterstützen. Sind in den letzten zehn Jahren Veränderungen zu beobachten? Susanne Fredebeul holt nicht lange aus: „Wer zu uns kommt, ist schon relativ weit unten. Die Wege dahin werden häufiger. In unserer Gesellschaft gibt es Veränderungen, die man nicht so einfach sieht. In den Medien werden die Probleme oft reduziert auf wahrnehmbare Armut. Das ist die Armut, die wir auf der Straße sehen. Was aber zunimmt, das ist die nicht so einfach wahrnehmbare Not. Eine Not, die in Familien schlummert. Ich meine beispielsweise Familien mit vielen Kindern, die überhaupt kein Geld haben, ihre Freizeit zu gestalten. Das ist mehr geworden.“ Dies ist eine Einschätzung, die sich durch Zahlen belegen lässt. Einer repräsentativen Stichprobe der bundesdeutschen Bevölkerung im Alter ab 18 Jahre wird im Frühjahr 2013 die Frage gestellt, ob man sich im Vergleich zum unmittelbaren Freundes- und Bekanntenkreis im alltäglichen Leben verschiedene Dinge mehr oder weniger leisten könne. Gut jede vierte Person (oder 44 Prozent aller Bundesbürgerinnen und Bundesbürger) gibt an, dass sie sich Urlaubsreisen oder Ausflüge „etwas“ weniger oder „sehr viel“ weniger leisten könne als die eigenen Bekannten. Mit Blick auf Kino-, Theater- oder Konzertbesuche sagen dies 35 Prozent, zum Erwerb größerer Anschaffungen sind es 33 Prozent. Besuche bei Verwandten oder Freunden sind für 29 Prozent der Bürgerinnen und Bürger im Alltag nur schwer möglich. Man kann das Gefühl haben, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben oder aber sich davon ausgeschlossen sehen. Dieses Gefühl des Ausgeschlossenseins äußert kontinuierlich stets mehr als ein Zehntel aller Bürgerinnen und Bürger. Und Erwartungen an die Politik? Sie sind vielfältig vorhanden. Ein Drittel aller Befragten gibt aber im Frühjahr 2013 an, sich durch die Politik ganz grundsätzlich gar nicht mehr vertreten zu fühlen. Die Lebenslagen der Bürgerinnen und Bürger sind höchst unterschiedlich. Und viele Lebenslagen sind in einem kritischen Zustand.

Auch eine Frage der Wahrnehmung

In den Medien werden periodisch Indikatoren publiziert, vor allem für die Wirtschaft. Sie stammen aus umfänglich erhobenen Datenbeständen und sind im Alltagsleben nahezu selbstverständliche Größen geworden. Vier Mal jährlich das Bruttoinlandsprodukt, zwölf Mal jährlich die Arbeitslosenzahlen, ebenso oft der Geschäftsklimaindex. Und allgegenwärtig gibt es umfangreiche Informationen zum Börsengeschehen. Solche Indikatoren stehen regelmäßig in der Zeitung, sie durchlaufen die relevanten Kommunikationskanäle und Mediennetzwerke und sie beeinflussen entscheidende Meinungsforen. An der Genauigkeit und Seriosität dieser Informationen ist dabei nicht zu zweifeln. Verändert hat sich aber ihre auf das Soziale bezogene Aussagekraft. Es ist an ihnen nur noch schwer zu erkennen, wie es den Bürgerinnen und Bürgern wirklich geht. Über die Teilhabe der Menschen sagen sie nur sehr wenig aus.

Die Gesellschaft der Bundesrepublik ist durch soziale Ungleichheit geprägt. Steigender gesellschaftlicher Wohlstand kommt nicht allen Menschen gleichermaßen zugute. Dies ist keine neue Erkenntnis. Nahezu jeder Ökonom oder Sozialwissenschaftler, der mit entsprechenden Fragen befasst ist, wird diesen Aussagen zustimmen.

Das Problem sozialer Ungleichheit hat in den letzten Dekaden an Bedeutung zu- und nicht etwa abgenommen. Im größeren Maßstab berichtete zuletzt die OECD im Jahre 2008. So ist in den zwei Jahrzehnten seit Mitte der 80er bis Mitte der 2000er Jahre etwa die Einkommensungleichheit in drei Vierteln aller OECD-Länder gewachsen. Und in den letzten fünf Jahren dieses Beobachtungszeitraumes gab es die stärkste Zunahme solcher Ungleichheit in Norwegen, Kanada, den Vereinigten Staaten – sowie in der Bundesrepublik Deutschland.

„Das Problem sozialer Ungleichheit hat in den letzten Dekaden an Bedeutung zu- und nicht etwa abgenommen.“

Auch die Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung über die Lebenslagen in Deutschland unterstreichen Befunde gestiegener Ungleichverteilungen von Einkommen und Vermögen.

Zahlreiche Ursachen

Marktbedingte Positionen entscheiden über die ungleiche Verteilung von Handlungsressourcen der Individuen. Lebenslagen definieren sich nicht allein durch Einkommen und Vermögen. Es geht auch um die Verteilung von Gesundheit und Bildung, Erfolg und Macht, gesellschaftlicher Integration und beispielsweise des Gefühls der Selbstverwirklichung. Für einen Anstieg der sozialen Ungleichheit werden zahlreiche Ursachen gesehen. Im Blick sind etwa Konsequenzen des technologischen Wandels, ein allgemein gestiegener Wert höherer Bildung, Globalisierungstrends wie die Niedriglohnkonkurrenz zwischen Ländern, die Ungleichheit fördernde Steuerpolitiken durch Erleichterungen für ohnehin Bessergestellte, die Erwerbslosigkeit und zunehmende Spreizung von Arbeitseinkommen, ungesicherte Beschäftigungsverhältnisse sowie auch Folgen einschneidender Sozialreformen. Bemerkenswert war dagegen bis vor Kurzem der geringe Stellenwert sozialer Ungleichheit in der gesellschaftspolitischen Debatte. Vielleicht haben auch Soziologen ihren Teil dazu beigetragen. Seit den 80er Jahren waren Begriffe wie „Pluralisierung“, „Individualisierung“ und „Lebensstil“ stets populärer als die Rede von einer Struktur sozialer Ungleichheit.

Die Entwicklung von Ungleichheit beobachten

Wie werden Lebenslagen von den Bürgerinnen und Bürgern subjektiv wahrgenommen? Hier wirken mannigfaltige Einflüsse auf den Einzelnen. Die umgebenden Lebenskontexte, die individuellen Lagen in solchen Kontexten und die eigenen Zukunftserwartungen erweisen sich empirisch als besonders wichtige Bestimmungsgrößen. Die gemessenen Informationen können für jede Befragungsperson zu einem zusammenfassenden Wert verdichtet werden: einem Lebenslagenindex.
In der Wahrnehmung der Bürgerinnen und Bürger kommen soziale Disparitäten deutlich zum Ausdruck. Traditionell sieht sich eine Mehrheit der Menschen in der „Mitte“ der Gesellschaft. Deutlich sichtbar ist aber auch die soziale Kluft zwischen Oben und Unten. Eine Kluft, die sich in den letzten Jahren in unserem Land vergrößert hat. In seiner einschlägigen „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ wies HansUlrich Wehler auf den Umstand einer doppelten Konstituierung von Wirklichkeit hin. Neben der objektiven Sozialstruktur gebe es eine subjektiv gefärbte Wahnehmung dieser Realität. Und diese Wahrnehmung weiche von der objektiven Lage ab. Soziale Ungleichheit werde nur noch in abgeschwächter Form registriert. Die Befragungenzeigen, dass von den Bürgerinnen und Bürgern soziale Ungleichheit doch als relevantes Thema wahrgenommen wird. Dem durch die Medien vermittelten Diskurs entspricht das eher nicht. Dort bestimmt eine ökonomische Perspektive das Bild. Zumindest die öffentliche Wahrnehmung sozialer Ungleichheit wird dadurch weitgehend überdeckt. Das prägt langfristig auch das Selbstbild einer Gesellschaft, und das Handeln der Politik wird davon sicher mitbestimmt. Wer nach der Teilhabe von Menschen fragt, braucht andere Perspektiven und andere Zahlen. Und was ist die Orientierung der Praktiker? „Wir haben kleine und große Erfolge“, sagt Susanne Fredebeul vom Verein für Gefährdetenhilfe, „die können wir immer an der einzelnen Person bemessen und an der Wahrnehmung unseres Hilfeangebotes.“ Das Hilfeangebot zielt auf die Rückkehr betroffener Menschen zu einem selbstbestimmten Leben. Dies sind häufig kleine Schritte. An jedem Tag.

Zum Weiterlesen:

Hans-Ulrich Wehler ( 2013 ): Die neue Umverteilung. Soziale Ungleichheit in Deutschland, München ( C. H. Beck ); Wolfgang Streeck ( 2013 ): Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus, Frankfurt / M. ( Suhrkamp ).

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