Mobilität in Deutschland – Verkehrswende in Sicht?

grosser Parkplatz

Der nachfolgende Beitrag stammt aus dem infas-Magazin Lagemaß:

Im ersten Moment überrascht das Thema „Mobilität“ im Zusammenhang mit dem Titel des Heftes. Es scheint sich bei „Mobilität“ um einen Gegensatz zum „Innehalten“ zu handeln. Immerhin steckt „halten“ in dem Begriff und bedeutet er doch, eine Tätigkeit kurz zu unterbrechen, sich zu sammeln und neu zu orientieren. Wie passt Mobilität dazu?

Der Widerspruch kann mit zwei Aspekten aufgelöst werden. Zum einen gehört auch das Nicht-Mobilsein zur Mobilität. Etwa 15 Prozent der Bevölkerung gehen an einem durchschnittlichen Tag keiner Aktivität außer Haus nach und im Schnitt ist jede und jeder Deutsche an einem durchschnittlichen Tag etwa 80 Minuten unterwegs. Den Rest der Zeit verbringen wir an den aufgesuchten Orten. Zum anderen ist Mobilität in den allermeisten Fällen kein Selbstzweck, sondern bringt uns an einen Ort, an dem wir etwas tun möchten oder sollen: der Weg zur Arbeit oder Schule, der Weg zum Einkaufen, in den Urlaub oder nach Hause.
Der Weg zwischen zwei Orten grenzt dabei häufig unterschiedliche Aktivitäten voneinander ab und wird zur Unterbrechung. Gerade Routinewege geben uns die Möglichkeit, die zurückliegenden Erlebnisse zu reflektieren und uns auf die nächste Aktivität einzustellen. Unterwegssein kann also auch eine Pause sein, die es uns ermöglicht, innezuhalten.

Vielfältige Anlässe für Mobilität

Überraschend ist häufig die Erkenntnis, dass Arbeitswege, das heißt die Wege zur und von der Arbeitsstelle, in Deutschland keineswegs dominieren. Zusammen mit den dienstlichen Wegen und Ausbildungswegen machen diese nur etwa ein Drittel aller unternommenen Wege aus. Jeweils ein weiteres Drittel werden für Erledigungen und Einkäufe sowie für Freizeitzwecke und Begleitungen zurückgelegt. Freizeitzwecke erreichen mit 27 Prozent den höchsten Anteil an allen Wegen. Dahinter verbergen sich ganz unterschiedliche Tätigkeiten, wie ein Besuch oder ein Treffen mit Freunden, Verwandten und Bekannten, sportliche Aktivitäten, ein Spaziergang oder das Ausführen eines Hundes oder der Besuch eines Restaurants, einer Gaststätte oder Kneipe.
Bezüglich der Anlässe gibt es kaum regionale Unterschiede, aber deutliche Verschiebungen zwischen den Lebensphasen. So machen Wege zur Schule oder einer anderen Ausbildungseinrichtung bei den Schülerinnen und Schülern erwartungsgemäß einen großen Anteil aus. Im Erwerbsleben dominieren Wege im Zusammenhang mit der Arbeit den Mobilitätsalltag deutlicher, während diese Anlässe im Ruhestand wenig überraschend fast keine Rolle mehr spielen.

Moblitätsanlässe: Arbeitswege am weitesten

Das Auto dominiert die Verkehrsmittelwahl

Beim Blick auf die Verkehrsmittelwahl der deutschen Bevölkerung fällt die deutliche Dominanz des motorisierten Individualverkehrs (MIV) auf, was in den allermeisten Fällen das Auto meint. Das überrascht wenig, denn neben Komfort bietet es auch einen temporären Rückzugsraum. Mit 57 Prozent wird es auf mehr als der Hälfte aller Wege genutzt und die Fahrerinnen und Fahrer sitzen überwiegend allein darin. 43 Prozent der Wege werden hingegen mit Verkehrsmitteln des sogenannten Umweltverbundes zurückgelegt. Überwiegend kurze Fußwege machen davon den größten Teil aus, während Wege mit den öffentlichen Verkehrsmitteln (ÖV) und dem Fahrrad einen Anteil von 10 beziehungsweise 11 Prozent haben.
Der Stellenwert des Autos wird noch deutlicher, wenn die zurückgelegten Kilometer für die Berechnung der Anteile zugrunde gelegt werden. Dann verschiebt sich das Verhältnis zwischen dem motorisierten Individualverkehr (in der Regel dem Auto) und dem Umweltverbund von 57 zu 43 auf 75 zu 25 Prozent. Eine Verlagerung zu den nachhaltigeren Verkehrsmitteln des Umweltverbundes ist aktuell allenfalls in Ansätzen und dann auch nur innerhalb der größeren Städte zu beobachten. Dort erreicht der Umweltverbund einen Anteil von 62 Prozent aller Wege und dominiert klar die Verkehrsmittelwahl der Metropolbewohnerinnen und -bewohner. In den kleinstädtischen und dörflichen Räumen der ländlichen Regionen sinkt dieser Anteil auf etwa 30 Prozent.
Neben der Trennlinie zwischen Stadt und Land verläuft eine weitere zwischen den Altersgruppen und Lebensphasen. Die Verkehrsmittelwahl junger Erwachsener unterscheidet sich zum Teil deutlich von der Verkehrsmittelwahl der mittleren Altersstufen. Junge Erwachsene nutzen die Angebote der öffentlichen Verkehrsmittel deutlich häufiger, vor allem dann, wenn sie in der Ausbildung sind und über vergleichsweise geringe Einkommen verfügen. Die Semester- und Ausbildungstickets werden in dieser Lebensphase häufig genutzt, sodass sich der Anteil der öffentlichen Verkehrsmittel in diesen Altersgruppen verdoppelt.

Das Auto ist der Deutschen liebstes Verkehrsmittel

Danach gefragt, welches Verkerhrsmittel im Alltag bevorzugt wird, bestätigt sich die Vorliebe für das Autofahren. 77 Prozent stimmen der Aussage (voll und ganz) zu, dass sie im Alltag gerne mit dem Auto fahren. Für das Fahrrad stimmen lediglich 60 Prozent (voll und ganz) zu und bei den öffentlichen Verkehrsmitteln sinkt dieser Anteil auf 35 Prozent. Aber auch die Zustimmung zu Bussen und Bahnen variiert mit dem Wohnort. In den Metropolen, wo das Angebot des öffentlichen Verkehrs vergleichsweise gut ausgebaut ist, stimmt die Mehrheit der Einwohnerinnen und Einwohner dieser Aussage zu (57 Prozent), in den kleinstädtischen und dörflichen Räumen der ländlichen Regionen, in denen sich das Angebot häufig auf die Sicherstellung des Schülerverkehrs beschränkt, sinkt dieser Anteil auf 21 Prozent. Umgekehrt verhält es sich bei der Zustimmung zum Autofahren im Alltag. Diese sinkt in den Metropolen auf 58 Prozent und erreicht in den kleinstädtischen und dörflichen Räumen der ländlichen Regionen fast 90 Prozent.

Verkehrsmittelwahl: Das auto dominert

Trotz der Unterschiede in der alltäglichen Verkehrsmittelwahl ist die Zustimmung zum Autofahren in den verschiedenen Generationen annähernd gleich. Eine Abkehr vom Pkw hin zu nachhaltigeren Verkehrsmitteln des Umweltverbundes wird nicht ohne eine Veränderung der Rahmenbedingungen und zusätzliche Anreize erfolgen. Allerdings sind positive Vorzeichen für eine solche Verkehrswende sichtbar. So ist die Zustimmung zum alltäglichen Bus- und Bahnfahren unter den Jüngeren höher als unter den Älteren. Etwas mehr als die Hälfte der 14- bis 17-Jährigen stimmt der Aussage (voll und ganz) zu, im Alltag gerne mit Bussen und Bahnen zu fahren, während das lediglich ein gutes Drittel in den mittleren Altersgruppen tut.

Eine Analyse der Wegedauern und zurückgelegten Strecken zeigt, dass sich die Verkehrsmittel bei den Entfernungen deutlich unterscheiden. So ist die Hälfte aller Fußwege mit einem Kilometer und die Hälfte aller Fahrradwege mit zwei Kilometern Länge erwartungsgemäß kurz, während Wege, die mit motorisierten Verkehrsmitteln, also mit dem Auto oder den öffentlichen Verkehrsmitteln unternommen werden, mehrheitlich zwischen sechs und neun Kilometer lang sind. Interessanterweise unterscheidet sich die Wegedauer zwischen den Verkehrsmitteln nur wenig. Hier liegt die mittlere Dauer jeweils bei 15 Minuten. Diese Zeitspanne bietet eine gute Gelegenheit, zwischen zwei Aktivitäten kurz innezuhalten und sich neu zu sammeln. Lediglich die ÖV-Wege benötigen deutlich mehr Zeit und bilden hier eine Ausnahme.

Arbeitsplätze im Schnitt acht Kilometer entfernt

Die weitesten Entfernungen werden mit durchschnittlich acht Kilometern Länge zum Arbeitsplatz sowie aus beruflichen Gründen (sechs Kilometer) zurückgelegt. Für beide Anlässe werden im Schnitt bis zu 20 Minuten aufgewendet. Einkäufe werden in der Regel im Nahbereich innerhalb von zwei Kilometern erledigt. Für die Wege zum Einkauf werden etwa zehn Minuten aufgewendet. Im Zwischenbereich liegen Wege zur Schule oder anderen Ausbildungseinrichtungen, für Erledigungen oder zur Begleitung anderer Personen. Die Wege sind jeweils drei bis vier Kilometer lang und für sie werden 12 bis 15 Minuten benötigt. Zu den Begleitungen gehören das Bringen und Abholen von Kindern durch Erwachsene oder auch die Begleitung der Kinder auf Wegen von Erwachsenen, beispielsweise zum Einkaufen oder zu Erledigungen. Wege, die in der Freizeit unternommen werden, sind mit bis zu 4 Kilometern mehrheitlich eher kurz, nehmen mit 20 Minuten aber ähnlich viel Zeit in Anspruch wie die erwerbsbedingten Wege. Beim Joggen, Spazierengehen, Hundausführen oder Fahrradfahren ist unter Umständen auch der Weg der eigentliche Anlass.

Täglich 257 Mio. Wege mit 3,2 Mrd. Kilometern

In der Summe werden an einem durchschnittlichen Tag pro Person 3,1 Wege mit zusammen etwa 39 Kilometern in rund 80 Minuten zurückgelegt. Bei rund 82 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern summiert sich das täglich auf 257 Millionen Wege und rund 3,2 Milliarden Personenkilometer.
Diese Tageswerte unterscheiden sich sowohl regional als auch zwischen den Lebensphasen deutlich. Während Kinder, Schülerinnen und Schüler ähnlich wie Personen im Ruhestand weniger und kürzere Wege zurücklegen, steigen die zurückgelegten Tagesstrecken und Unterwegszeiten in den mittleren Altersklassen und unter den Erwerbstätigen deutlich an. Vollzeiterwerbstätige legen im Durchschnitt fast 60 Kilometer am Tag zurück und benötigen dafür im Durchschnitt rund 92 Minuten.
Bei der regionalen Betrachtung der Ergebnisse werden Strukturunterschiede deutlich. In den Metropolen und Großstädten sind die Tagesstrecken mit 36 und 37 Kilometern deutlich kürzer als in den kleinstädtischen, dörflichen Räumen der ländlichen Regionen, wo im Durchschnitt täglich 44 Kilometer zurückgelegt werden. Umgekehrt verhält es sich bei der Unterwegszeit. Diese ist mit 91 Minuten in den Metropolen fast 20 Minuten länger als in den kleinstädtischen, dörflichen Räumen.

Einstellungen zur Nutzung verschiedener Verkehrsmittel im Alltag: Autofahren bei Mehrheit beliebt

Auf dem Land werden also weitere Strecken in einer höheren Geschwindigkeit als in den urbanen Räumen zurückgelegt. Neben der Siedlungsdichte spielt hier auch das Verkehrsangebot und dessen Nutzung eine entscheidende Rolle. Der Blick auf die Verkehrsmittelwahl hatte bereits die Dominanz des Autos in den ländlichen Regionen offenbart, während in den Metropolen die Mehrheit der Wege zu Fuß, mit dem Fahrrad oder den öffentlichen Verkehrsmitteln unternommen wird.

Verkehrswende in Sicht?

Die Ergebnisse der Studie zeigen eine deutliche Dominanz des Autos beim Alltagsverkehr in Deutschland und insgesamt ist eine Veränderung hin zu nachhaltigerem Verkehrsverhalten nicht zu sehen. Die Dominanz des Pkw wird aber in den Metropolen und innerhalb der Ausbildungsphasen der jungen Generationen durchbrochen. Wichtige Faktoren sind dabei ein möglichst attraktives Mobilitätsangebot jenseits des privaten Pkw und ein einfacher Zugang. Hier entfalten die Ausbildungsund Semestertickets sowie die vergleichsweise guten ÖV-Angebote in den urbanen Räumen ihre Wirkung.
Interessant ist auch, dass sich die Verkehrsmittel stark nach den damit zurückgelegten Wegelängen unterscheiden, mit Ausnahme des ÖVs aber die mittlere Wegedauer konstant bei 15 Minuten liegt. Das deutet darauf hin, dass wir unser tägliches Zeitbudget sehr bewusst einteilen und die Verkehrsmittel auch vor diesem Hintergrund auswählen. Diese Isochrone sollte bei der Anlage und Gestaltung von Wohnquartieren und Siedlungen beachtet werden. Denn wenn die gewünschten Einrichtungen mit einem Verkehrsmittel des Umweltverbundes bequem in 15 Minuten erreichbar sind, fällt der Umstieg vom Auto sicherlich leichter.

Mobilität in Deutschland

Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI), bei dem zahlreiche regionale Partner zusätzliche regionale Stichproben finanzieren. infas hat sie zusammen mit dem Institut für Verkehrsforschung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR), der IVT Research GmbH sowie der infas 360 GmbH durchgeführt. Bei der Erhebung 2017 wurden deutschlandweit mehr als 300.000 Personen in über 155.000 Haushalten zu ihrer Mobilität befragt. Eine Besonderheit ist die Berücksichtigung aller Haushaltsmitglieder ab 0 Jahren. Damit liefert die Studie nicht nur umfassende Ergebnisse zur Alltagsmobilität für ganz Deutschland, die Bundesländer und einzelne Regionen, sondern auch für verschiedene Bevölkerungsgruppen, Haushaltskonstellationen und Lebensphasen.

 

Zum Weiterlesen:
Weitere Informationen und Veröffentlichungen zur Studie sind unter www.mobilitaet-in-deutschland.de zu finden

Foto: Ryan Searle