Schulische Inklusion auf dem Prüfstand

Gruppe Schüler und Schülerinnen arbeiten gemeinsam an einem Plakat

Deutschland hat im Jahr 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) ratifiziert. Aber auch zehn Jahre nach Inkrafttreten ist die Verpflichtung, ein inklusives Bildungssystem einzuführen, noch nicht verwirklicht. In der Öffentlichkeit, vor allem aber unter Pädagogen und Eltern, wird das Thema nach wie vor kontrovers diskutiert. Aus diesem Anlass hat infas gemeinsam mit der Aktion Mensch und der Wochenzeitung DIE ZEIT eine Studie zum Thema „Schulische Inklusion“ durchgeführt.

Wird Inklusion als wünschenswertes Ziel in unserer Gesellschaft anerkannt? Welche Erwartungen bestehen hinsichtlich der Auswirkungen von inklusivem Unterricht? Wie wird die gegenwärtige Umsetzung schulischer Inklusion bewertet?

Um diesen Fragen nachgehen zu können, hat infas im Feburar 2019 eine repräsentative Stichprobe von rund 1.500 Erwachsenen telefonisch nach ihren Einstellungen zu gesellschaftlicher und schulischer Inklusion gefragt. In der Stichprobe waren Eltern schulpflichtiger Kinder überproportional vertreten. Die Eltern wurden gefragt, ob ihr Kind eine Schule besucht, an der gleichermaßen Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen oder Behinderungen unterrichtet werden. Somit liegen Aussagen für Eltern mit und ohne Inklusionserfahrung vor.
Zehn Jahre nach Ratifizierung der UN-BRK besteht in der bundesdeutschen Bevölkerung ein hohes Maß an Zustimmung zu den Zielen einer vollen und wirksamen Teilhabe beeinträchtigter und behinderter Menschen. 85 Prozent stimmen der Aussage zu, dass Menschen mit und ohne Beeinträchtigung in unserer Gesellschaft gleichberechtigt zusammenleben sollten. Und fast die gesamte Bevölkerung (94 Prozent) ist der Meinung, dass Kinder mit und ohne Beeinträchtigung in ihrer Freizeit die Möglichkeit haben sollten, gemeinsam aufzuwachsen. Gemeinsamen Unterricht in der Schule befürworten hingegen nur 66 Prozent der Bevölkerung. Bei der Gruppe der Eltern mit Inklusionserfahrung ist die Zustimmung zu schulischer Inklusion mit 78 Prozent allerdings deutlich höher als bei Eltern ohne Inklusionserfahrung (61 Prozent). Möglicherweise wählen Eltern, die sich für inklusiven Unterricht aussprechen, bewusst diese Schulen aus, weil sie das Konzept befürworten. Unter Umständen führen aber auch positive Erfahrungen mit dem inklusiven Unterricht zu einer höheren Zustimmung.

Balkendiagramm Beurteilung des inklusiven Schulsystems

Einschätzung zu Auswirkungen schulischer Inklusion

Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung ist von positiven Effekten schulischer Inklusion überzeugt: Mehr als drei Viertel der Befragten stimmen zu, dass sie zu mehr Toleranz, einem besseren Miteinander sowie einer höheren Engagement-Bereitschaft führt. Zudem wirke sie sich positiv auf die Persönlichkeitsentwicklung aus.
Zurückhaltender wird der inklusive Unterricht jedoch dann beurteilt, wenn es um Fragen der Leistungsförderung der Kinder geht: Lediglich 60 Prozent der Bevölkerung sind der Meinung, dass ein inklusives Schulsystem gut auf das Berufsleben vorbereitet. Zudem besteht die Einschätzung, dass Kinder mit unterschiedlichen Leistungsniveaus nicht gleichermaßen gefördert werden können: Rund die Hälfte (52 Prozent) der Befragten glaubt, das besonders leistungsstarke Kinder im fachlichen Lernen gebremst werden. Die tendenziell kritischen Einstellungen der Befragten werfen die Frage auf, wie Eltern mit und ohne Inklusionserfahrung die Auswirkungen schulischer Inklusion beurteilen.
55 Prozent der Eltern mit Inklusionserfahrung meinen, dass ein inklusives Schulsystem besonders leistungsstarke Kinder im fachlichen Lernen bremse. Dieser Meinung sind nur 47 Prozent der Eltern ohne Inklusionserfahrung. Lediglich 48 Prozent der Eltern mit Inklusionserfahrung erwarten eine Verbesserung der Bildungschancen für weniger leistungsstarke Kinder. In der Gruppe der Eltern ohne Inklusionserfahrung liegt dieser Anteil bei 64 Prozent.
Möglicherweise sind Eltern, deren Kinder gegenwärtig eine Inklusionsschule besuchen, stärker dafür sensibilisiert, dass der Unterricht von heterogenen Klassen besondere Anforderungen an Schulen und Lehrpersonal stellt. Auch hier könnten die konkreten Erfahrungen zu diesem Meinungsbild führen. Auffällig ist auch, dass Eltern mit Inklusionserfahrung auf die Frage nach der Förderung leistungsstarker bzw. leistungsschwacher Kinder häufig mit „teils/teils“ (mit 30 bzw. 42 Prozent) antworten, was darauf hindeutet, dass sie innerhalb ihrer Schulen unterschiedliche Erfahrungen mit der Leistungsförderung machen und daher die Wirkung von schulischer Inklusion differenzierter einschätzen.
Während die Bevölkerung die Auswirkungen von inklusivem Unterricht auf das soziale Miteinander positiv einschätzt, fällt das Urteil über die Umsetzung schulischer Inklusion skeptischer aus. 40 Prozent aller Befragten bezweifeln, dass Lehrerinnen und Lehrer die Herausforderungen des Unterrichts an Inklusionsschulen bewältigen können. 57 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass Lehrkräfte nicht ausreichend für die Herausforderungen schulischer Inklusion ausgebildet sind und 63 Prozent der Befragten meinen, dass die Klassen für inklusiven Unterricht zu groß sind.
Ein weiteres Problem wird in fehlendem Personal gesehen. 55 Prozent aller Befragten sind der Ansicht, dass es an Inklusionsschulen nicht ausreichend Sozial und Sonderpädagoginnen und -pädagogen sowie Schulpsychologinnen und -psychologen gibt. 68 Prozent der Befragten glauben sogar, dass es nicht genügend Lehrkräfte für den inklusiven Unterricht gibt.
Eltern, deren Kinder eine Inklusionsschule besuchen, sagen deutlich häufiger (zu 82 Prozent) als Eltern ohne Inklusionserfahrung (zu 70 Prozent), dass es nicht genügend Lehrkräfte zur Gestaltung des inklusiven Unterrichts gibt. Möglicherweise machen Eltern, deren Kinder inklusiv unterrichtet werden, die Erfahrung, dass die Belastung für einzelne Lehrkräfte zu hoch ist.
Dies zeigt sich auch bei den Fragen nach zu großen Klassen und der ausreichenden Lehrerausbildung: Auf beide Fragen antworten Eltern mit Inklusionserfahrung jeweils zu 40 Prozent mit „teils/teils“. Das deutet darauf hin, dass diese Eltern sehr unterschiedliche Erfahrungen in ihren jeweiligen Schulen machen.
Zehn Jahre nach Ratifizierung der UN-Konvention besteht in der Breite der bundesdeutschen Bevölkerung ein hohes Maß an Zustimmung zu den Zielen einer vollen und wirksamen Teilhabe beeinträchtigter und behinderter Menschen an der Gesellschaft. Sofern es um ganz allgemeine gesellschaftliche Auswirkungen – wie soziales Miteinander oder Toleranz – geht, wird die Idee der inklusiven Schule von der Bevölkerung Deutschlands mehrheitlich positiv beurteilt.
Zurückhaltender wird der inklusive Unterricht jedoch beurteilt, wenn es um Fragen der Förderung der Kinder geht. Ein inklusives Schulsystem erhöhe zwar die Chancengleichheit, jedoch gibt es auch die Befürchtung, dass Kinder mit unterschiedlichen Leistungsniveaus nicht gleichermaßen gefördert werden können.
Mit Blick auf die konkrete Umsetzung schulischer Inklusion zeigt sich die Bevölkerung noch vergleichsweise kritisch. Lehrende Fachkräfte werden nicht als hinreichend gerüstet gesehen, zudem sieht man Klassengrößen und Personalausstattung als nicht adäquat an. Eltern, die bereits selbst Erfahrungen mit Inklusionsschulen haben sammeln können, sind in ihrem Urteil etwas positiver, sehen aber ebenfalls das Lehrpersonal noch vor großen Herausforderungen.
Zum Weiterlesen:
www.aktion-mensch.de/studie-inklusion-schule

Edvin Johansson