Was braucht Hans zum Glück?

Schaufenster einer Boutique mit der Aufschrift "Happy Life"

Kein Goldklumpen, kein Pferd, keine Kuh, kein Schwein und kein Schleifstein. Im Märchen „Hans im Glück“, das die Gebrüder Grimm in ihre Sammlung aufgenommen haben, liegt das Glück woanders.

Nicht nur in Volksweisheiten, sondern auch wissenschaftlich wurde immer wieder versucht, die Voraussetzungen für das persönliche Glück zu ermitteln. Am bekanntesten ist wohl die – durchaus umstrittene – Bedürfnispyramide des Verhaltensforschers Abraham Maslow. Eine Kritik an dieser Forschungsarbeit war, dass ein empirischer Beleg für die Richtigkeit der Pyramide von 1943 bis heute fehlt und neuere Forschungsarbeiten diese zumindest in Teilen wiederlegt haben.
infas hat sich 1977 empirisch auf die Suche nach dem Glück gemacht und eine persönlich-mündliche Repräsentativerhebung mit 1.200 Interviews durchgeführt. Gefragt wurde für 43 verschiedene Aspekte, ob sie zum persönlichen Glück eher wichtig oder eher unwichtig sind. Anschließend wurde ein Index der Nettowerte gebildet, der die Differenz von den „eher wichtig“- zu den „eher unwichtig“-Angaben zeigt. Wir haben die Erhebung von damals im Sommer 2018 repliziert, um herauszufinden, welche Aspekte heute zum Glück gehören und was sich seither verändert hat. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Erhebung 1977, also zu Mauerzeiten, das Gebiet der Bundesrepublik ohne WestBerlin und die damalige DDR umfasst. Für die Replikation haben wir ganz Deutschland befragt und weisen auch diese Zahlen aus. Das ist insofern vertretbar, als sich die Ergebnisse zwischen Ost und West bis auf ein paar Ausnahmen – dazu später mehr – nur geringfügig (zwischen ein und zwei Prozentpunkte) unterscheiden.

Selbstlos zum Glück

Damals wie heute besteht Konsens, dass weder Lottogewinn, Jacht, Villa oder Sportwagen, noch Sex, Drugs und Rock ‘n‘ Roll Garanten des Glücks sind. „Viel Geld“, „bekannt/populär sein“ oder „ausflippen/sich einen Rausch antrinken“ waren bereits 1977 nicht wichtig für das Glück und sind zwischenzeitlich auch nicht wichtiger geworden.
Vielmehr sind eine hohe Lebenserwartung verbunden mit Sicherheit, Ruhe und leiblichem Wohlbefinden und – für manche überraschend – Gemütlichkeit wesentliche Zutaten zum Glück. Der wichtigste Aspekt ist heute „ein selbstständiges Leben führen“. 1977 landete dieses Item nur an 13. Stelle. Damals stand das gesicherte Alter ganz oben. Eine ähnliche Diskrepanz ist auf dem heutigen Rang 2 zu erkennen. Das altruistische Item „anderen etwas Gutes tun“ war 1977 erst an 15. Stelle zu finden. Ein weiterer uneigennütziger „Glücksbringer“, nämlich „sich für das Gemeinwohl einsetzen“ hat einen beispiellosen Aufstieg hingelegt. Von Rang 32 im Jahr 1977 auf Rang 15 heute.
Auch wenn der visuelle Vergleich des alten und neuen Rankings auf den ersten Blick etwas anderes vermittelt, sind Abweichungen bei vielen abgefragten Aspekten vergleichsweise gering.

Was ist wichtig für das persönliche Glück?

Einstellung von Jung und Alt

Spitzenreiter bei Jugendlichen unter 25 Jahren auf dem Weg zum Glück ist „seinen Gefühlen freien Lauf“ lassen zu können. Damit unterscheiden sie sich stark von der restlichen Bevölkerung und auch von der Jugend von 1977, denen das wesentlich unwichtiger war. Damals waren eine „gute Partnerschaft/Ehe“, „gute Freunde“ und „ein gesichertes Alter“ die wichtigsten Bausteine zum Glück. Bei vielen anderen Items urteilen die Jugendlichen heute hingegen ähnlich wie ihre Altersgenossen von vor 41 Jahren. Eine Ausnahme bildet das Thema Ausbildung und Beruf: Eine gute Ausbildung zu haben, ist den Jugendlichen heute weniger wichtig als früher, ebenso wie die „Anerkennung im Beruf“ oder „viel Freizeit“. Aber „Zeit für sich haben“ oder „ein netter Chef und nette Arbeitskollegen“ haben an Relevanz gewonnen.
Generell verlieren wenig überraschend Karriereaspekte bei den über 64-Jährigen ebenso wie außerhäusliche Aktivitäten. Der Fokus richtig sich mehr auf das unmittelbare Umfeld, also Freunde, Familie und die Nachbarschaft und eine grundlegende Gesundheit. Wichtig sind nachvollziehbarerweise auch das gegenwärtige Lebensumfeld und weniger in die Zukunft gerichtete Aspekte. Diese Verschiebung der Glückskriterien im Alter hat sich im Zeitverlauf wenig geändert.
Die Bürger des ehemaligen DDR-Gebiets unterscheiden sich 29 Jahre nach dem Fall der Mauer in der Einschätzung einzelner Glücksfaktoren nur wenig von jenen der alten Bundesrepublik. Es gibt allerdings Ausnahmen: Auf Nähe („öfter mal gestreichelt werden“), Reisen und „viel sehen und erleben“ und darauf, um Rat gefragt zu werden, legen sie deutlich mehr Wert als die westdeutsche Bevölkerung. Hingegen ist ihnen das Vertrauen auf Gott oder eine Eigentumswohnung weit weniger wichtig. In ganz Deutschland ist Ausflippen oder einen Rausch antrinken keine Zutat zum Glück, im Osten noch weniger als im Westen.

Die fünf Dimensionen zum Glück

Die fünf Dimensionen des Glücks

Mittels multivariater Analyse sind wir der Frage nachgegangen, welche Zusammenhänge es beim Antwortverhalten gibt. In einer Faktorenanalyse wurden fünf Dimensionen ermittelt, denen fast alle Items zugeordnet werden können und die auch inhaltlich interpretierbar sind (siehe Abbildung). Befragte haben die Fragen eines Faktors jeweils in ähnlicher Weise beantwortet. Wer beispielsweise „schöne Hobbys“ als wichtig für das Glück bewertet, dem ist „gut essen und trinken“ aus derselben Dimension in aller Regel ebenfalls wichtig.
Im Ergebnis gibt es eine Dimension, die die Themen Freizeit, Genuss, Lebensqualität umfasst, und eine, die Aspekte wie Reichtum und Ruhm umfasst. Eine weitere Dimension fasst Items zu altruistischem Verhalten, Freundschaft und Nächstenliebe zusammen. Das Themenfeld Familie und Kinder ist in einer weiteren Dimension zu finden. Alles rund um ein gesichertes Leben und Älterwerden in einer weiteren.
Drei Items waren in der Faktorenanalyse keiner Dimension zuzuordnen und sind gewissermaßen autark: „Anerkennung im Beruf“, „auf Gott vertrauen“ und „ein Haustier haben“. Das Item „ausflippen, Rausch antrinken“ findet sich im Faktor zum gesicherten Leben wieder, allerdings mit negativen Vorzeichen, also im Sinn von nicht ausflippen und keinen Rausch antrinken. Was braucht nun Hans tatsächlich zum Glück? Die Ergebnisse bestätigen, dass der Gold-Klumpen (Reichtum) nicht unbedingt dazugehört und nicht-materielle Aspekte wie auch im Märchen eine wichtigere Rolle spielen. Die Märchensammlung der Gebrüder Grimm aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts ist zumindest an dieser Stelle unverändert aktuell.

Beitragsbild: Pier Francesco Grizi