Zahlen für die Kultur! Eine Randnotiz

„Kultur für alle“. So lautete Ende der siebziger Jahre der berühmt gewordene Slogan aus der Feder des Frankfurter Kulturstadtrats Hilmar Hoffmann. Hoffmann veröffentlichte ein gleichnamiges Buch – heute ein kulturpolitischer Klassiker (Hoffmann 1979). Die Sichtweise, Kulturpolitik sei vornehmlich eine Art „staatlicher Kulturpflege“, war fortan eine Perspektive von gestern.

Im Kulturdiskurs der Bundesrepublik setzte in den nachfolgenden Dekaden vielmehr ein dynamischer Aufschwung, ja eine vielgestaltige Modernisierung ein. Zahlreiche Leitbegriffe entstanden – und lösten einander wieder ab. Von der „Kulturarbeit“ über den „Kulturbetrieb“ hin zu den großen „Kulturevents“ in den neunziger Jahren; von der „Neuen Kulturpolitik“ zur „aktivierenden Kulturpolitik“ bis hin zur aktuellen Rede über einen „aktivierenden Kulturstaat“ (Scheytt 2006). Zwischenzeitlich war 1998 im politischinstitutionellen Raum das Amt des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien geschaffen worden. Ein Amt zwar ohne große Steuerungsmöglichkeiten und unter Bedingungen der Kulturhoheit der Länder stehend, aber doch ein Markierungspunkt im Fortschritt von Kulturpolitik.

Von hoher Bedeutung erwies sich auch der wieder geschaffene Kulturausschuss des Deutschen Bundestages. An Universitäten wurden innovative Studiengänge wie „Kulturvermittlung“ oder „Kulturmanagement“ eingeführt. Die Kulturwissenschaften entwickelten sich zu stärker angewandten Disziplinen. Heute kann man in der Bundesrepublik rund 100 Aus- und Weiterbildungsgänge für die außerschulische Kulturvermittlung zählen (Mandel 2005).

Auch in der breitgefächerten Landschaft der Kulturförderung entfaltete sich ein vielgestaltiges Spektrum von Handlungsfeldern und brückenbauenden Funktionen – von der Musik-/Museums- und Theatervermittlung zu zahlreichen Formen irgendwo zwischen Kulturpädagogik und „Aufmerksamkeitsmanagement“. Hoffmann, kulturpolitischer Realist, hatte seine unbestritten wichtige Forderung nach mehr kultureller Teilhabe nicht im luftleeren Raum sehen wollen. Er forderte daher, dass erst einmal tatsächlich empirische Forschung des „gegenwärtigen“ Kulturprozesses zu leisten sei. Ohne diese sei demokratische Kulturpolitik nicht möglich.

„Kultur für alle“ – was zeigt die Empirie?

Vor diesem Hintergrund ist erstaunlich, wie unbelastet von Daten und Zahlen der bundesrepublikanische Kulturdiskurs (vor allem die Literatur im Bereich Kulturvermittlung) geführt wurde – und bis heute geführt wird. Empirische Forschung ist nur vereinzelt oder aber regional begrenzt auszumachen. Bei aller Emphase der demokratisch-emanzipatorischen Ansätze ist der Blick auf soziale Dimensionen von Kultur vergleichsweise unscharf, ja unterentwickelt geblieben. Starke programmatische Ansprüche behaupteten sich und überdauerten ohne eine zuverlässige empirische Basis.

Doch selbst knappe Explorationen ins Themengebiet hinein zeigen den Stellenwert der sozialen Dimension im kulturellen Bereich. Beispielsweise deuten darauf regelmäßige Befunde aus den infas-Erhebungen zum Lebenslagenindex „ilex“ hin. In diesen bundesweit repräsentativen Trenderhebungen werden auch kulturelle Aspekte des Alltagslebens erfasst.

Kulturelle Partizipationschancen nicht im Gleichgewicht

Handlungsressourcen sind sehr ungleich verteilt. Viele können sich daher kulturelle Teilhabe ökonomisch schwer leisten. Das ist kein überraschender Befund. Gemessen an den zahlreich formulierten Ansprüchen im Diskurs der Kulturvermittlung ist es aber eine nüchterne Feststellung, von der auffällig zu selten Notiz genommen wird.

Im Kern ist festzuhalten, dass die empirische Erforschung der Bedingungen von Wahrnehmung und Nichtwahrnehmung kultureller Angebote heute weitgehend als Forschungsdesiderat anzusehen ist. Eine nationale, repräsentative Bevölkerungsbefragung zur Kulturpartizipation, die eine zuverlässige Datenbasis bereitstellt und als Benchmark-Studie dienen könnte, gibt es in der Bundesrepublik nicht.

So wie das Thema „Kultur“ ganz allgemein dadurch charakterisiert ist, dass „Bildung sowohl Voraussetzung als auch Folge von Teilhabe ist“ (Fuchs, 2009: 20), so steht „Kultur“ auch als Befragungsgegenstand vor gewissen Herausforderungen: Neben Ansprüchen an eine ad- äquate Operationalisierung wäre ein Kultur-Survey mit Aspekten der Selektivität der Befragungsteilnahme und auch mit sozialer Wünschbarkeit konfrontiert. Diesen Herausforderungen, dem mutmaßlich höheren inhaltlichen Interesse besser gebildeter Bevölkerungsgruppen und deren größerer Teilnahmebereitschaft sowie Übertreibungen im Antwortverhalten durch soziale Erwünschtheit, lässt sich jedoch mit methodischer Sorgfalt adäquat begegnen.

„Bildung für alle“: nicht nur Slogan, vielmehr Leitformel des weltweiten Aktionsprogramms für Bildung der UNESCO, in dem sich auch die Bundesrepublik zu zentralen Bildungszielen verpflichtet hat. In der Forschung entstand dazu vor wenigen Jahren eine umfängliche Infrastruktur mit der Einrichtung des Nationalen Bildungspanels.

Die Rede vom „Wohlstand für alle“ (Ludwig Erhard) traf und trifft in der gesellschaftlichen Realität auf hohe Hürden. Mit der Sozialindikatorenforschung, den empirischen Untersuchungen zu Wohlfahrt und Lebensqualität sowie zu Strukturen sozialer Ungleichheit besteht indes eine lange und gut ausgebaute Tradition der empirischen Sozialforschung in Deutschland, welche diese Hürden in den Blick nimmt.

Im Bereich der Kultur fehlt ein entsprechendes Pendant.

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