Die Katastrophe als Transformationsimpuls?

Sticker Freiheitsstaue mit Desinfektionsmittel und Maske

Ein Werkstattbericht

Die Bewältigung der Pandemie hat zu vormals undenkbar scheinenden Veränderungen geführt. Dem Staat als vorsorgendem Akteur wird gestattet, zum Schutz der Gesundheit seiner Bürgerinnen und Bürger deren verbriefte Freiheiten zu begrenzen. Der Massentourismus ebbt ab und Pendlerströme versiegen. Mit der Wirtschaftsleistung gehen auch Treibhausgasemissionen zurück, weshalb die Bundesrepublik Deutschland nun doch noch ihre Klimaziele 2020 erreicht hat. Um uns gegenseitig über Wasser zu halten, helfen wir uns beim Einkaufen, sammeln Spenden für das geschlossene Kino um die Ecke und machen parteiübergreifend den Weg frei für Überbrückungs- und Neustarthilfen, die Betrieben und Menschen in der Krise zugutekommen sollen.

Diese Entwicklungen haben die sozialwissenschaftliche Forschung schnell auf den Plan gerufen. So auch uns. Ist die Corona-Krise ein Suffizienz-Szenario, wie es sich manche Vordenkerinnen oder Vordenker der Großen Transformation vorgestellt haben? Zugunsten des Gemeinwohls schränken wir uns ein, verändern digitale Infrastrukturen sowie unsere diesbezügliche Praxis, verteilen Ressourcen um und priorisieren das gemeinsame Überleben gegenüber materiellen Wohlstandszuwächsen und Konsumfreiheiten – wirklich? Wie weit geht unsere Sorge um funktionale und „systemrelevante“ Bereiche? Wird etwas übrig bleiben von unserer Aufmerksamkeit und Wertschätzung? Es wird wohl kaum aufmerksame Leserinnen oder Leser geben, die sich noch nicht mit diesen Fragen auseinandergesetzt haben. Vergangene Epidemien, wie etwa die über Jahrhunderte in Europa grassierende Pest, haben derartige Erwartungen kaum erfüllt. Im Gegenteil standen eher Vergessen, Zurück- und Nachholen von Verlorenem im Vordergrund, wenn wir den Historikerinnen und Historikern Glauben schenken.1
Daher haben wir uns in einem Team aus infas und IASS, dem Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (englisch: Institute for Advanced Sustainability Studies), gefragt, wie wir diesen Aspekten empirisch nachspüren können. In einem gemeinsamen Eigenprojekt haben wir damit im Herbst 2020 begonnen. Wir sind also auf dem Weg und haben eine Zwischenetappe erreicht, ähnlich wie die Pandemie aber noch keinen Abschluss gefunden. Trotzdem oder gerade deshalb haben wir im Team in der Konzeptions- und bisherigen Auswertungsphase durchaus kontrovers und umfassend diskutiert.

Der pandemiebedingten Transformation empirisch nachgespürt

Nachhaltigkeitstransformationen werden in der Regel mit einer Stärkung, nicht mit einer Schwächung lokaler Wertschöpfungsketten zusammengedacht; der Verzicht auf energieintensive Verhaltensweisen wird mit einem Schonungsgewinn, nicht mit einem Verlust an sozialer Nähe verbunden. Jähe Strukturbrüche gerade im Dienstleistungssektor wären nicht unbedingt in einen sozialen und langfristig ressourcenschonenden Strukturwandel zu übersetzen; für die immer auch globale Nachhaltigkeit

Wie weit geht unsere Sorge um funktionale und „systemrelevante“ Bereiche? Wird etwas übrig bleiben von unserer Aufmerksamkeit und Wertschätzung?

wäre es vor allem nötig, die sozialen Ungleichheiten weltweit zu vermindern und nicht zu vergrößern, wie jetzt durch die Pandemie möglicherweise zu konstatieren ist. Vor allem aber würde eine sozialökologische Transformation durch Katastrophen („transformation by disaster“) letztlich nur dann nachhaltig „by design“2, wenn sie dauerhaft die Zustimmung von Menschen fände, die ihre Grundrechte in vollem Umfang wahrnehmen und verschiedene Handlungsoptionen verhandeln können.
Davon konnte und kann in der Pandemie nach bisherigen Befunden keine Rede sein. So hat es prominent auch Bundeskanzlerin Angela Merkel im vergangenen Winter festgestellt, als sie davon sprach, dass man „die jetzigen Zustände niemals zur Normalität erklären (dürfe). Wie weit geht unsere Sorge um funktionale und „systemrelevante“ Bereiche? Wird etwas übrig bleiben von unserer Aufmerksamkeit und Wertschätzung? Unsere Normalität ist das Leben, das wir vor der Pandemie kannten“.3
Ist also die hohe Zustimmung der Menschen in Deutschland zu den politischen Maßnahmen im Zuge der Pandemiebekämpfung vor allem so zu verstehen, dass sie in der Hoffnung auf baldige und vollständige Rückkehr zur konsumintensiven Normalität „vor der Pandemie“ die Zähne zusammenbeißen? Wird durchgehalten, weil die absehbare Belohnung als greifbar scheint und nicht in einer ferneren Zukunft oder sogar erst in gesicherten Lebensbedingungen der nächsten Generation liegt? Oder gibt es in diesem Umbruch der alten Normalität auch bleibende Elemente, die das Lernen für andere, weitergehende Transformationen ermöglichen? Und falls es solche Transformationsimpulse gibt, die tatsächlich weiterwirken könnten, wer sind dann ihre gesellschaftlichen Träger?
Dafür interessieren wir uns in der dargestellten Kooperation. Wir haben sie im Oktober 2020 mit einer ersten Bevölkerungsbefragung gestartet. Da eine einmalige Messung angesichts der Dynamik diffus bleiben muss und nur eine Momentaufnahme darstellen kann, setzen wir sie darüber hinaus mit zumindest einer weiteren Befragungswelle fort. Eingeschaltet werden unsere jeweils etwa zehnminütigen Frageblöcke dabei in die regelmäßige infas-eigene Mehrthemenbefragung. Die Beteiligung in einzelnen Monaten ermöglicht uns jeweils 1.000 telefonische Interviews auf Basis einer bundesweiten Dual-Frame-Stichprobe.

Motiviert von der alten Einsicht, dass in Situationen, in denen überkommene Routinen nicht mehr funktionieren, die Wahrscheinlichkeit steigt, „kognitiv umzuschalten“4, wollen wir wissen, wer wirklich umschaltet – und wohin. Dabei wollen wir die eklatanten Nöte und Erfahrungen, die diese Pandemie für einige von uns ganz unmittelbar mit sich gebracht hat, keinesfalls gering schätzen. Doch im Vordergrund stehen bei unserer Fragestellung die durch die Krise erzwungenen Erfahrungen von Veränderungen im Berufs- und Privatleben, in sozialen Bindungen und Identifikationen sowie Erfahrungen der lokalen natürlichen Umgebung – nicht ausschließlich, jedoch auch vor dem Hintergrund einer entsprechenden, umweltpsychologisch geprägten Forschungsprogrammatik.5

Chart Verluste und Veränderungen durch Corona und ihre Zukunft

Bis Oktober 2020 alle gleichermaßen betroffen oder das Geschehen gleichermaßen verarbeitet?

Unsere erste Befragung im Herbst 2020 fand in maximalem Abstand zum Schock des ersten, aber noch vor Beginn des zweiten Lockdowns statt. Im Einklang mit Studien anderer Autorinnen und Autoren stießen wir vor allem mit unseren offenen Fragen auf eine breite Palette sowohl negativ wie positiv bewerteter Veränderungen im Lebensalltag der Menschen. Allerdings gehen unsere Ergebnisse in ihrer Breite und Detailliertheit deutlich über bisherige Befunde hinaus. Und dies vor dem Hintergrund einer zu diesem Zeitpunkt durchschnittlich bereits als mittelschwer eingeschätzten subjektiven Beeinträchtigung der üblichen Lebensführung durch die Pandemie (im Mittel 3,2 von 5 vorgegebenen Skalenpunkten).
Mit Blick auf kurzfristig veränderbare Verhaltensweisen mit relevantem ökologischem Fußabdruck wurde dabei deutlich, dass besonders viele Befragte das ungehinderte Reisen vermissten – gleichwohl waren dies mit einem Anteil von etwa einem Fünftel auch nicht mehr als jene, die vor allem das Ausfallen kultureller Veranstaltungen beklagten. Bei den als positiv erlebten Veränderungen spielten bewussterer oder reduzierter Konsum und die Erholung der Natur, private Zeitgewinne und das Homeoffice eine Rolle. Dies zeigte sich allerdings jeweils nur für etwa 5 Prozent der Befragten. Im Vordergrund positiver Veränderungen stand für fast ein Fünftel der Menschen in unserer Stichprobe trotz eingeschränkter Kontakte ein als intensiver wahrgenommenes Sozial- und Familienleben. Die Hälfte der Befragten freilich nannte im Oktober 2020 gar keine positiven Veränderungen. Und nur ein gutes Drittel von 38 Prozent gab an, Elemente veränderten Lebensstils auch in die Zeit „nach Corona” übernehmen zu wollen.
Das Verblüffende unserer Oktoberdaten bestand allerdings nicht in den Antworten selbst, sondern darin, dass deren Varianz über die Stichprobe hinweg durch die üblichen sozialstrukturellen Indikatoren wie beispielsweise Alter, Geschlecht oder Einkommen kaum befriedigend erklärt werden konnte. Viele der von uns vermuteten Einflüsse auf die subjektive Betroffenheit durch die pandemiebedingten Einschränkungen zeigten sich entweder gar nicht oder so schwach, dass sie weniger als 4 Prozent der auftretenden Varianz erklärten (r < 0,2). So gab es zum Beispiel kaum nennenswerte Alterseffekte, Unterschiede nach verfügbarem Wohnraum pro Person oder entlang des infas-Lebenslagenindex, ilex. Auch waren Positiverfahrungen und Veränderungsbereitschaft von Frauen sowie Angehörigen der Mittelschicht zwar signifikant stärker ausgeprägt als die von Männern bzw. Angehörigen der Unter- wie Oberschicht, aber auch diese Zusammenhänge bewegten sich in einer ähnlich „homöopathischen” Größenordnung. Noch schlechter sah die Varianzaufklärung bei psychologisch moderierenden Variablen wie Wertorientierungen oder Kontrollüberzeugungen aus, die wir ebenfalls erhoben hatten. Auch verschiedene Clusterlösungen zeigten keine gut interpretierbaren trennbaren Muster.
Zwei nicht unvereinbare, aber doch divergierende Interpretationen dieses Negativbefunds schienen uns denkbar. Erstens: Die präpandemische Alltags-„Normalität“ war im Oktober 2020 in großen Bevölkerungsteilen noch nicht erschüttert genug, um in unterschiedlichen sozialen Lagen zu verschiedenen Anpassungsstrategien bzw. dem vermuteten „Umschalten“ zu führen. Dazu passt, dass immerhin 31 Prozent der Befragten damals angaben, es habe in ihrem Leben durch Corona keine negativen Veränderungen gegeben. Zweitens: Die Pandemie wirkte in diesem Stadium der Entwicklung eher als Gleichmacher. Diese Vermutung gilt nicht nur aufgrund einer menschlichen Neigung, angesichts akuter Bedrohungen die Gemeinsamkeiten mit denen zu betonen, denen man sich zugehörig fühlt, um so die verlorene individuelle Kontrolle über das eigene Leben auszugleichen6, sondern weil die Einschränkungen sozialer Kontakte tatsächlich die meisten Menschen ähnlich stark betrafen.
Mehr als sechs harte Monate später hatten wir zeitgleich mit Redaktionsschluss dieser Lagemaß-Ausgabe in unserer aktuellen zweiten Befragung im Mai Gelegenheit, diese Interpretationen zu überprüfen. Dabei gehen wir der Frage nach, ob die Menschen sich angesichts des lang anhaltenden Drucks immer stärker in eine „Normalität vor Corona“ zurücksehnen oder aber an eine andere Lebenswirklichkeit bereits anpassen. Unsere Vermutung ist, dass durch die erhöhte Belastung die Unterschiede zwischen den Lebenslagen, aber auch zwischen Altersgruppen und Haushaltstypen größer geworden sind. Dies gilt vermutlich in der Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse, vor allem aber in den Erwartungen, wie diese in Zukunft zu befriedigen sind. Bei wem dabei eine Art Transformationsbereitschaft zumindest sich abzeichnet, und ob dies mit einem bewussten Zusammendenken von Pandemie und ökologischer Krise einhergeht, ist sicherlich die spannendste Frage. Antworten erwarten Sie in einer der nächsten Lagemaß-Ausgaben.

Dieser Beitrag ist in Lagemaß, Ausgabe 11 erschienen. Zum Magazin

Zum Weiterlesen:
1 Reinhardt, V. (2021): Die Macht der Seuche. Wie die große Pest die Welt veränderte 1347 – 1353. C.H. Beck Verlag, München
2 Sommer, B. , Welzer, H. (2017): Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne, S. 27, oekom Verlag, München
3 Kohler, B., Lohse, E. (2021): „Ich bin im Reinen mit mir“. Interview mit Angela Merkel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.2.2021
4 Louis, M. R., Sutton, R. I. (1991): Switching cognitive gears: From habits of mind to active thinking. In: Human Relations 44(1)
5 Reese G. et. al. (2020): Sars-Cov-2 and environmental protection: A collective psychology agenda for environmental psychology research. In: Journal of Environmental Psychology 70, 101444
6 Fritsche, I., Jonas, E., Fankhänel, T.: (2008): The role of control motivation in mortality salience effects on ingroup support and defense. In: Journal of Personality and Social Psychology 95(3), S. 524-541

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