Einblicke in das Ehrenamt: eine gesellschaftsrelevante Betrachtungsebene

Feuerwehrmann auf einem Balkon, aus der Wohnung tritt Rauch aus

I

Mehrebenenanalysen einer Erwerbsarbeitsgesellschaft sind, die möglichen gesellschafts- und tätigkeitsrelevanten Themen betreffend, nie erschöpfend. Und dennoch sollten sie heutzutage nicht auf Betrachtungen zum zivilgesellschaftlichen Engagement, zum Ehrenamt bzw. zur Freiwilligenarbeit verzichten.

Der Begründungshintergrund ist einfach: Wer vom zivilgesellschaftlichen Engagement oder von der Freiwilligenarbeit redet, der spricht immer auch von der Erwerbsarbeitsgesellschaft, in der sie stattfindet: Das unbezahlte Ehrenamt muss man sich leisten können, was primär durch Lohn, Gehalt oder selbstständige Arbeit ermöglicht wird und eine Beziehung der beiden Ebenen nahelegt. In empirischen Befunden ausgedrückt sieht der Zusammenhang wie folgt aus:

  • 35 Prozent der von der Körber-Stiftung 20161 befragten Erwerbstätigen gaben an, nicht zivilgesellschaftlich tätig zu sein. Sie würden sich aber gerne engagieren, wenn es die Vereinbarkeit mit der Arbeit erlauben würde.
  • Entsprechend dazu zeigt der Deutsche Freiwilligensurvey (FWS) 2014 sehr deutlich, dass der Arbeitgeber kein Auslöser für freiwilliges Engagement ist und berufliche Gründe am häufigsten Anlass dafür sind, das Engagement zu beenden.2

Bereits in dieser, hier nicht weiter zu vertiefenden Befundlage wird deutlich, dass Unternehmen – aus welchen Gründen auch immer – einerseits die Zivilgesellschaft nicht unbedingt stärken und andererseits Kompetenzen, welche aus diesem zivilgesellschaftlichen Engagement erwachsen, unter Umständen nicht zu nutzen in der Lage sind. Ob dies nur für Unternehmen zutrifft, die keine Corporate Social Responsibility-Strategie verfolgen, bleibt an dieser Stelle offen (vgl. hierzu Wehner & Gentile, 2012).

II

Eine Sondererhebung des infas-Lebenslagenindex (ilex) im Herbst 2016 schließt diese benannte Lücke und bezieht die Ebene der Freiwilligkeit ein, indem gefragt wurde: „Haben Sie in den letzten 12 Monaten außerhalb von Beruf und Familie ehrenamtliche Tätigkeiten ausgeübt? Es geht um freiwillig übernommene Aufgaben und Arbeiten zum Beispiel in Vereinen, Initiativen, Projekten oder Selbsthilfegruppen, die man unbezahlt oder gegen eine geringe Aufwandsentschädigung ausübt.“
Auch wenn die Instruktion zu der Frage nach ehrenamtlichen Tätigkeiten die Hauptdefinitionsmerkmale bereits beinhaltet, sei eine allgemeingültige Umschreibung aus Wehner und Güntert (2015, S. 5) angefügt:

Frei-gemeinnützige Tätigkeit umfasst unbezahlte, selbst oder institutionell organisierte, sozial ausgerichtete Arbeit; gemeint ist ein persönliches, gemeinnütziges Engagement, das mit einem regelmäßigen, projekt- oder eventbezogenen Zeitaufwand verbunden ist, prinzipiell auch von einer anderen Person ausgeführt und potenziell auch bezahlt werden könnte.

Damit sind die Eigenarbeit, das Hobby oder die Mithilfe in der Familie und Verwandtschaft ebenso ausgeklammert wie das Spenden für Hilfsaktionen oder die Beteiligung an politischen Wahlen und Abstimmungen. Die Definition verweist vielmehr auf drei wesentliche Merkmale von Freiwilligenarbeit, auf die auch die Forschung ihr Augenmerk richtet:

  1. frei: Freiwillige Arbeit ist frei, autonom und unabhängig. Hieraus ergibt sich: Die Koordination von Freiwilligenarbeit mit Erwerbsarbeit ist nicht trivial und sie kann nicht nur nach der Logik der Erwerbsarbeit funktionieren.
  2. gemeinnützig: Freiwilligenarbeit ist gemeinnützig, sie leistet einen gesellschaftlichen Mehrwert. Eine zentrale Frage hierbei ist: Wie lassen sich diese Art von Leistungen und ihr Mehrwert erfassen, ohne lediglich an Monetisierung zu denken?
  3. Tätigkeit: Freiwillige Arbeit ist eine sinnorientierte Tätigkeit, wobei zu fragen ist: Welche Motive liegen ihr zugrunde? Was können wir von frei-gemeinnütziger Tätigkeit für Arbeit im Generellen und für die Erwerbsarbeit im Besonderen lernen?

Zur Person:

Prof. em. Dr. Theo Wehner (67) war von 1989 bis 1997 an der Technischen Universität Hamburg-Harburg und bis 2014 an der ETH Zürich Professor. Aktuell ist er Gastprofessor an der Universität Bremen. Seine Schwerpunkte sind die psychologische Fehlerforschung, das Verhältnis von Erfahrung und Wissen, innovatives und kooperatives Handeln. Seit 2001 forscht er zudem zur frei-gemeinützigen Tätigkeit (Volunteering) und zum Corporate Volunteering. Von ihm liegen rund 400 Publikationen in Journals und Sammelbänden vor.

 

Vor diesem Hintergrund sollen im Folgenden zuerst die zentralen Ergebnisse des Deutschen Freiwilligensurvey 2014 vorgestellt und danach ein Einblick in die Befunde des infas-Lebenslagenindex 2016 gewährt werden.

III

Der Freiwilligensurvey (FWS) ist die umfangreichste Untersuchung zu freiwilligem Engagement in Deutschland. Er wird vom BMFSFJ beauftragt und seit 1999 alle fünf Jahre durchgeführt. 2014 wurde er von infas durchgeführt. 28.690 Personen wurden in sechs Sprachen mittels einer kombinierten Festnetz- und Mobilfunkstichprobe befragt (Simonson, Vogel & Tesch-Römer, 2016). Hieraus einige Ergebnisse im Überblick:

  • im Jahr 2014 waren 30,9 Millionen Menschen und damit 43,6 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren freiwillig engagiert: 10 Prozent mehr als 1999,
  • etwa ein Drittel aller Engagierten übt die freiwillige Tätigkeit bereits seit mehr als zehn Jahren aus,
  • die meisten engagieren sich im Bereich Sport (16,3 Prozent), gefolgt von Schule/Kindergarten und Kultur/Musik mit jeweils 9 Prozent,
  • Frauen engagieren sich mit 41,5 Prozent etwas weniger als Männer mit 45,7 Prozent,
  • in den Altersgruppen der 14- bis 29-Jährigen und der 30- bis 49-Jährigen liegen die Anteile der freiwillig Engagierten mit jeweils 47 Prozent am höchsten,
  • Personen mit hoher schulischer/beruflicher Ausbildung engagieren sich häufiger (52 Prozent) als Personen mit niedrigem Bildungsniveau (28 Prozent).
    Die zentralen Aussagen der Erhebung von 2014 seien hier zusätzlich und kommentarlos zitiert:
  • der Anteil freiwillig engagierter Menschen steigt, die Beteiligung am Engagement unterscheidet sich aber zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen weiterhin deutlich,
  • der Anteil öffentlich aktiver Menschen ist stabil, die Bereitschaft, sich zukünftig freiwillig zu engagieren, ist groß,
  • informelle Unterstützung im außerfamilialen sozialen Nahraum, Vereinsmitgliedschaften und Spenden sind bedeutsame Formen zivilgesellschaftlichen Handelns,
  • die Ausgestaltung des freiwilligen Engagements ist weiterhin vielfältig, aber die für die freiwilligen Tätigkeiten aufgewendete Zeit sinkt,
  • ein hoher sozioökonomischer Status und eine gute Gesundheit gehen mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit zu freiwilligem Engagement einher,
  • Werthaltungen und eine gute soziale Einbettung weisen einen Zusammenhang mit freiwilligem Engagement auf,
  • organisationale, regionale und kulturelle Rahmenbedingungen sind bedeutsam für freiwilliges Engagement (Simonson, Vogel & Tesch-Römer, 2016, S. 15ff).
    Was bietet – im Vergleich zum FWS – der infas-Lebenslagenindex 2016, wo geht er eventuell über die vorliegenden Befunde hinaus?

Motive, ehrenamtlich tätig zu werden

IV

Die Selbstauskunft zur Lebenszufriedenheit liegt auf einer 10-stufigen, aufsteigenden Skala bei jenen (n = 397), die im Laufe der letzten 12 Monate ehrenamtlich tätig waren, bei 7.6 und damit einen halben Skalenwert über jenen (n = 605), die sich in diesem Zeitraum nicht engagierten. Nur 55 Prozent dieses Personenkreises gehen für die nächsten zwei bis drei Jahre von einer gesicherten Zukunft für die Bundesrepublik aus; bei den Freiwilligen sind es hingegen 72 Prozent. Nimmt man die Einschätzung bezüglich der persönlichen Zukunftsaussichten hinzu, besteht fast kein Unterschied mehr zwischen den Gruppen (57 Prozent zu 53 Prozent), was darauf hindeuten könnte, dass Nichtengagierte pessimistischer in die Zukunft blicken. In der 1.000er-infas-Stichprobe gaben 40 Prozent der Befragten (53 Prozent Männer, 47 Prozent Frauen) an, in den letzten 12 Monaten Freiwilligenarbeit geleistet zu haben. Es sind, wie im FWS, Personen mit höherer Schulbildung und höherem Einkommen.
Ihre heutige und auch die zukünftige persönliche wirtschaftliche Lage beurteilen Engagierte etwas besser als die Vergleichsgruppe. Auch fühlen sich bürgerschaftlich engagierte Personen der Gesellschaft deutlich mehr „zugehörig“ und am gesellschaftlichen Leben teilhabend. Dabei bringen sie sich durch ihr Engagement nicht nur stärker in die Zivilgesellschaft ein, sondern auch in die Familie, Verwandtschaft und in die Nachbarschaft: Im Sinne von Ferdinand Tönnies3 sind freiwillig Tätige damit nicht nur – was in der Freiwilligenforschung immer wieder hervorgehoben wird – stärker in der Gesellschaft, sondern auch in der Sozialform der Gemeinschaft verankert. Sie bringen – so die Befunde aus dem infas-Lebenslagenindex – Kräfte ein, die sowohl dem Wesenwillen (er bezieht sich auf die Familie, Verwandtschaft, Freundschaft und auf die Nachbarschaft) als auch, bezüglich ihres gesellschaftlichen Engagements, dem Kürwillen zuzuschreiben sind. Interessant ist, dass die Unterschiede zwischen Engagierten und Nichtengagierten wesentlich geringer ausfallen, wenn man nach der idealen Engagementquote und nicht nach der tatsächlichen Engagiertheit fragt.
Ehrenamtlich tätig zu sein ist eine Bürgertugend, was sich in der hier beschriebenen Stichprobe darin zeigt, dass 79 Prozent der Auskunftspersonen Angestellte, Beamte oder Selbstständige sind; 39 Prozent davon in Vollzeit und 31 Prozent mit akademischem Abschluss. Auf einer Rechts-Links-Skala verorten sich die meisten „in der Mitte“(57 Prozent) und gut ein Sechstel ist „eher rechts“ orientiert, wobei sich für 71 Prozent keine oder eine niedrige Rechtsaffinität zeigt. Betrachtet man lediglich die Verteilung der Betätigungsfelder, so deckt sich diese weitgehend mit den Befunden des FWS: An der Spitze liegt auch hier der Bereich Sport/Bewegung, gefolgt von Kultur/Musik, Freizeit/Geselligkeit sowie dem sozialen Bereich. Die Motive der Freiwilligen sind multifaktoriell (vgl. Wehner & Güntert, 2015). Sie sind keinesfalls in Altruismus versus Egoismus zu trennen, sondern erfüllen verschiedene, sich über die Zeit verändernde Funktionen (Gestaltungswille, Lernabsichten, Gerechtigkeitsempfinden, soziale und/oder politische Verantwortungsübernahme und andere). Konsequenterweise betrachten wir nicht einzelne Motivitems. Es wurden vielmehr die acht Motivvariablen faktorisiert, und es konnten – mit guter Varianzaufklärung – zwei latente Variablen ermittelt werden. Zum einen fügen sich die Motive: „Ansehen und Einfluss in meinem Lebensumfeld gewinnen“, „beruflich vorankommen“, „Qualifikationen erwerben“, „etwas dazuverdienen“ zu einem Faktor, den wir „persönliches Ansehen und beruflicher Qualifikationserwerb“ nennen. Zum anderen bilden die Motive: „Gesellschaft mitgestalten“, „mit anderen Menschen zusammenkommen“, „Spaß beim Engagement erleben“, „mit anderer Generation zusammen sein“ den Faktor: „gesellschaftliche Mitgestaltung und soziales Beisammensein“.

Der infas-Lebenslagenindex

Die Fragen zum Ehrenamt wurden in einer ergänzenden Erhebung im Rahmen des infas-Lebenslagenindex im September 2016 mit 1.000 Interviews erhoben. Der Lebenslagenindex ilex ist ein vom infas berechneter subjektiver Sozialindikator für die  Bundesrepublik Deutschland. Er wird seit 2007 in bislang neun Wellen in bundesweit repräsentativen telefonischen Bevölkerungsbefragungen mit jeweils unabhängigen Stichproben erhoben. In den Erhebungen wird regelmäßig zu zusätzlichen wechselnden Themenschwerpunkten befragt.

 

Betrachtet man auf dieser Grundlage den korrelativen Zusammenhang zwischen den latenten Variablen und den Betätigungsfeldern der Freiwilligen, so zeigt sich:

  • Eher persönliche und berufsqualifikatorische Motivlagen
    sind bei Personen zu finden, die ein freiwilliges Engagement in den Bereichen Sport/Bewegung, Schule/Kindergarten sowie Unfall/Rettungsdienst ausüben.
  • Eher soziale und gesellschaftliche Motivlagen sind bei Personen anzutreffen, die ein freiwilliges Engagement in den Bereichen Kultur/Musik, sozialer Bereich, außerschulische Jugendarbeit, Politik/Interessensvertretung sowie im kirchlich/religiösen Bereich erfüllen. Praxisrelevant werden diese Befunde, wenn es darum geht, in Non-Profit-Organisationen einerseits Ehrenamtliche zu gewinnen und andererseits herausfordernde Aufgaben gezielt zu benennen. Praxisrelevant sind die Ergebnisse aber auch im Hinblick auf die theoretisch-konzeptionelle Arbeit: Es ist zu allgemein, einfach von den Freiwilligen zu sprechen, ohne die Passung der Motive und die Betätigungsfelder zu berücksichtigen. Der infas-Lebenslagenindex fragt auch nach der Ausprägung von insgesamt 16 Ängsten 4 bei den Auskunftspersonen und geht damit über den FWS hinaus. Zwischen 30 und 76 Prozent Zustimmung gibt es bei den verschiedenen Angstbereichen, wobei die Differenz zwischen Ehrenamtlichen und Nicht-Ehrenamtlichen teilweise bis zu 15 Prozentpunkte beträgt: Vor „Überfremdung“ fürchten sich 45 Prozent der Letztgenannten und nur 30 Prozent der Ehrenamtlichen. Auf der univariaten Ebene fällt zudem auf, dass nur bei vier Angstbereichen (Ausländerfeindlichkeit, Klimakatastrophe, allein sein und Internetüberwachung) die Zustimmung bei den Freiwilligen (zwischen 3 und 7 Prozentpunkte) höher liegt als bei Personen, die sich in den letzten 12 Monaten nicht engagiert haben. Ob sich hierin eine höher entwickelte Widerstandsfähigkeit (psychische Resilienz) oder größere Selbstwirksamkeit bei den ehrenamtlich Engagierten zeigt, ist eine offene, aber durchaus interessante Frage für die zukünftige Forschung.

Quellen:
https://www.koerber-stiftung.de/pressemeldungen-fotos-journalistenservice/deutsche-wollenhelfen-koennen-aber-nicht-935.html.
Simonson, J.: Das Verhältnis von Engagement und Erwerbsarbeit. Erkenntnisse aus dem FWS Vortrag am 7.2.2017 anlässlich des 8. BBE-AK-Treffens engagementfördernde Stiftungen.
Tönnies, F. (1887,1991). Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der reinen Soziologie (8. Aufl.). Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
Kriegs- u. Terrorgefahr, Ausländerfeindlichkeit, Islamisierung, Massenarbeitslosigkeit, Überfremdung, Wirtschaftskrise, Klimakatastrophe, Internetüberwachung, Abhängigkeit von Unterstützung, Armut, allein sein, Krankheit und Kontrollverlust.

Zum Weiterlesen:
Simonson, J., Vogel, C., Tesch-Römer, C. (Hrsg.) (2016). Freiwilliges Engagement in Deutschland – Der Deutsche Freiwilligensurvey 2014. Wiesbaden: Springer VS.
Wehner, T. und Gentile, G.-C. (Hrsg.) (2012). Corporate Volunteering. Unternehmen im Spannungsfeld zwischen Effizienz und Ethik. Wiesbaden: Springer-Gabler Verlag.
Wehner, T. und Güntert, S.T. (Hrsg.) (2015). : Psychologie der Freiwilligenarbeit. Berlin: Springer.