Irrationaler Aufwand

Teurer Plattenspieler

Luxus als Regelbruch

Interviewer: Joachim Scholz

Lambert Wiesing ist Philosoph und Professor an der Universität Jena und einer von wenigen Wissenschaftlern, die sich umfassend mit dem Begriff „Luxus“ und seiner Bedeutung auseinandergesetzt haben. 2015 veröffentlichte er im Suhrkamp Verlag eine Monografie zu Luxus mit gleichnamigem Titel, die zahlreiche positive Kritiken erhielt.

Joachim Scholz sprach mit Wiesing über die Bedeutung des Begriffs und darüber, warum sich die Wissenschaft nach wie vor wenig damit befasst.

Lambert Wiesing

Herr Prof. Wiesing, jeder hat eine Vorstellung davon, was Luxus ist. In einer Studie haben wir gefragt, was Menschen darunter verstehen. 70 bis 80 Prozent haben unter anderem geantwortet, „ohne Schmerzen zu leben“ oder „in Sicherheit zu leben“, sei für sie Luxus. Sie würden das nicht so bezeichnen. Wie kommt es, dass der Begriff so breit und in so vielen Bedeutungen verwendet wird?

Dieses Phänomen haben wir bei ganz vielen Begriffen. Wenn Sie Umfragen zur Kunst, Schönheit oder Gerechtigkeit machen würden, kämen Sie zu ähnlichen Ergebnissen. Wesentlich für diese Begriffe ist, dass man sie nicht naturwissenschaftlich definieren kann. Ein Juwelier kann Ihnen sagen, wie viel Gold eine Armbanduhr enthält, aber nicht, ob diese Luxus ist. Hier ist die Philosophie gefragt, die man – Theodor W. Adorno war dieser Meinung – als Arbeit am nicht definierbaren Begriff beschreiben kann. Und darum geht es mir: Meine Überlegungen beschäftigen sich weniger damit, was Menschen Luxus nennen, als damit, was wir sinnvollerweise als Luxus bezeichnen sollten; wie wir ihn definieren sollten. Das ist notwendig: Denn Sprache ist das wichtigste Deskriptionsmittel, das Menschen nun einmal haben. Deshalb mache ich mich dafür stark, den Luxusbegriff präzise zu definieren, damit wir mit ihm die oft vermischten Phänomene in der Welt genauer beschreiben können. Ähnlich verhält es sich ja mit der Kunst. Es ist im Alltag kein Problem, wenn alles Mögliche als Kunst bezeichnet wird, aber wenn wir uns ihr wissenschaftlich nähern wollen, ist die Eingrenzung wichtig. Philosophie hat eine jahrhundertealte Tradition, darüber zu diskutieren, was Kunst ist, aber keine annähernd vergleichbare Auseinandersetzung darüber, was Luxus ist.

Zur Person:

Lambert Wiesing ist seit 2001 Professor und seit 2008 Inhaber des Lehrstuhls für Bildtheorie und Phänomenologie am Institut für Philosophie der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Von 2005 bis 2008 war er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ästhetik. Er hatte Gastprofessuren in Wien, in Oxford und am Dartmouth College, Hanover. 2015 erhielt er für sein Werk den Wissenschaftspreis der Aby-Warburg-Stiftung, 2018 den Thüringer Forschungspreis im Bereich Grundlagenforschung und erst kürzlich die Marsilius-Medaille für das Gespräch zwischen den Wissenschaftskulturen. Seit 2019 ist er Präsident der Deutschen Gesellschaft für phänomenologische Forschung.

 

Tatsächlich ist mir bei der Recherche aufgefallen, dass wissenschaftliche Arbeiten zu Luxus anders als zur Kunst sehr dünn gesät sind. Warum ist das so?

Das stimmt. Es ist ja schon skurril, dass einem nach zweieinhalbtausend Jahren Philosophiegeschichte noch ein neues Thema auffällt. Mein Buch „Luxus“ ist wohl die erste dezidiert philosophische Monografie dazu. Über die Gründe, warum dies so ist, lässt sich nur spekulieren: So kann man etwa feststellen, dass auch Philosophen gerne Klischees bedienen. Zu einem der größten innerhalb der Philosophie gehört, dass alles, was Geld kostet, nicht richtig wichtig ist. Das gilt für die großen Themen: das Wahre, das Gute und das Schöne. Nur weil jemand viel Geld hat, ist das, was er sagt, nicht wahr, wie er handelt, nicht automatisch gut. Das ist ja auch überzeugend. Doch gilt das auch für ästhetische Fragen? Gibt es nicht eine Ästhetik des Besitzens? Man folgt hier meistens Kant. Er war der Meinung, dass Interesselosigkeit das bestimmende Merkmal der ästhetischen Erfahrung ist. Die Meinung hat sich enorm durchgesetzt, insbesondere bei der Gruppe, die man Bildungsbürgertum nennt. Dieses geht fest davon aus, dass ästhetische Erfahrungen nicht an Geld oder Besitz gebunden sind, sondern jedem Menschen gleichermaßen zugänglich, weil man zum Erlangen einer ästhetischen Erfahrung dem Besitz gegenüber interesselos sein muss. Das scheint mir allerdings über das Ziel hinausgeschossen.

Eine mögliche Erklärung für die fehlende Auseinandersetzung mit Luxus: Soziologen und Psychologen tun sich ausgesprochen schwer damit, bewusst irrationale Phänomene als solche zu akzeptieren und zu verstehen.

Inwiefern?

Insbesondere, weil nicht zwischen Besitz und Eigentum unterscheiden wird. Für eine ästhetische Betrachtung sind Eigentumsverhältnisse in der Tat irrelevant; diese sind nur Rechtsverhältnisse, die nicht erlebbar sind. Sie können Eigentum an Aktien oder einer Erbschaft haben und das gar nicht wissen. Aber Besitz ist ein Verwenden, Hantieren, also eine praktizierte Verfügungsgewalt. Deshalb ist ja auch der Dieb eines Fahrrades der Besitzer, nicht der Eigentümer. Es scheint unter Philosophen eine Abneigung zu geben, dass Besitzverhältnisse ästhetische Erfahrungen ermöglichen können; Walter Benjamin war übrigens der Erste, der das – aus meiner Sicht zu Recht – kritisiert hat.

Interessant ist auch, dass sich die fehlende Auseinandersetzung mit Luxus  ja nicht auf die Philosophie beschränkt. Auch in anderen Disziplinen gibt es wenig dazu …

Dafür gibt es allerdings noch eine andere Erklärung. Soziologen und Psychologen tun sich ausgesprochen schwer damit, bewusst irrationale Phänomene als solche zu akzeptieren und zu verstehen. Beispielsweise geht Karl Marx auch kurz auf Luxus ein – und das ist typisch für diese Sichtweise, die ich hier meine: Denn eigentlich beherrscht nach Marx den Kapitalisten – bemerkenswert, dass er das so weiß – „schmutzigster Geiz“. Doch er hat Pech, die Gesellschaft zwingt ihn ganz gegen seine Neigung, Verschwendung zu betreiben. Man glaubt es nicht: Marx spricht in diesem Zusammenhang vom „’unglücklichen’ Kapitalisten“. Denn er kann sich gar nicht vorstellen, dass Menschen freiwillig unnötigen Aufwand betreiben oder gar schätzen. Was für ein Menschenbild? Sehr viele Sozialwissenschaftler arbeiten mit einem darwinistischen Modell, bei dem alles, was man macht, immer einen Zweck verfolgt und Erfolg verheißen muss. Und wenn man den Zweck nicht sieht, dann ist er eben versteckt oder unbewusst. Max Weber meint etwa, dass „‚Luxus‘ im Sinn der Ablehnung zweckrationaler Orientierung des Verbrauchs für feudale Herrenschichten nicht ‚Überflüssiges‘, sondern eines der Mittel ihrer sozialen Selbstbehauptung“ sei. So kann man Luxus nicht erfassen, er wird schlicht wegdiskutiert. Ja, Sie haben recht, letztendlich finde ich es auch rätselhaft, dass Luxus so selten thematisiert wird, es ist ja kein skurriles Thema.

Möglicherweise liegt es auch daran, dass Luxus, der im Privaten stattfindet und für jeden etwas anderes bedeutet, also schwer messbar ist?

Hier müssen wir unterscheiden. Die Gegenstände, die für jemanden Luxus sind, sind sehr verschieden und haben keine bestimmbaren Gemeinsamkeiten. Aber das, was wir darunter verstehen, also wann etwas für jemanden Luxus ist, als der Sinn des Begriffs, der ist nicht bei allen verschieden. So ist etwa vollkommen unstrittig, dass Luxus immer an einen übertriebenen Aufwand und Verschwendung gebunden ist. Wir werden daher dem Phänomen nur gerecht, wenn wir Luxus kategorial klar vom Prestige trennen. Bei Prestigephänomenen geht es um ostentative öffentliche Darstellung; man kann auch von Protz sprechen. Sie müssen wissen, wie die Marke konnotiert ist, welches Auto man in gesellschaftlichen Kreisen fährt, um protzen zu können. Dafür ist ein übertriebener Aufwand, der für Luxus charakteristisch ist, nicht nötig: Sie können etwa ein T-Shirt tragen, das simpelste Massenware ist. Aber wegen des richtigen Markenemblems kann es für jemanden ein Prestigeobjekt sein. Diese zwei Phänomene – Luxus als ästhetische Selbsterfahrung und Protz als ästhetische Selbstdarstellung – sollten wir nicht in einen Topf werfen, dennoch geschieht das sehr oft. Aus meiner Sicht ist Adorno der Erste, der hier klar differenziert. Für Pierre Bourdieu hingegen ist Luxus immer eine Darstellung nach außen; er setzt Protz und Luxus gleich. Das ist aber nicht überzeugend, denn Luxus können wir auch im Privaten erleben. Deshalb kann man von außen auch nicht ermitteln, wer Luxuserfahrungen macht. Sie ist an einen Besitz gebunden, aber der muss nicht sehr groß sein. Es kommt darauf an, dass mit der eigenen Vorstellung bewusst gebrochen wird, wie der Mensch leben soll. Und diese Vorstellungen dazu sind genauer als die Moral und das Strafgesetzbuch.

Das müssen Sie erklären.

Es geht um einen Bruch auf einer „mittleren Ebene zwischen Verbot und individueller Beliebigkeit“, so formuliert das die Soziologin Rahel Jaeggi und gibt ein Beispiel: Angenommen, Sie hören, wie ein Kind in der Nachbarschaft geschlagen wird. Sie würden in so einem Fall sofort die Polizei rufen. Wiederum angenommen, Sie sehen, wie ein Kind mit gelben Cowboystiefeln das Haus verlässt. Da machen Sie nichts, Kinder dürfen sich so hässlich anziehen, wie sie wollen. Was machen Sie, wenn Sie mitbekommen, dass ein Kind 12 Stunden am Computer spielt? Das ist was anderes als gelbe Cowboystiefel, aber auch noch nicht strafrechtlich verboten. Es geht hier um Lebensformen, die als für alle Menschen richtig angesehen werden. Menschen haben genauere Vorstellungen, als es die Moral und die Gesetze vorschreiben, wie Menschen leben sollen. Sie könnten beispielsweise auch alleine in einem 600-Quadratmeter-Apartment mit Pool und Hubschrauberlandeplatz wohnen. Das würden viele Menschen als für Menschen nicht angemessen und übertrieben ansehen. Aber die gelben Cowboystiefel und das Apartment sind vor dem Strafgesetzbuch und den meisten Moralen gleich. Auch Immanuel Kant etwa macht keine Obergrenze bei Besitz oder Eigentum, der kategorische Imperativ würde den Besitz eines solchen Apartments nicht verbieten. Das macht Luxus philosophisch so spannend: Er lebt vom Bruch mit den eigenen privaten Ansichten davon, was ein Mensch überhaupt ist, wie Menschen überhaupt leben sollten.

Also bedeutet Luxus, dass Menschen Angemessenheitsvorstellungen haben und diese trotzdem brechen?

Ganz genau – und das passiert nicht nur beim Luxus, auch an anderen Stellen, denken Sie an Raucher. Jeder Raucher weiß, dass es ungesund ist, und trotzdem raucht er. Soziologen – welche oft Meister einer Unterstellungshermeneutik sind – würden versuchen, einen tieferen Zweck hineinzuinterpretieren, etwa einen Gruppenzwang. Aber das sind Entmündigungsstrategien, denn der Raucher wird mit dieser Argumentation zum Sklaven gesellschaftlichen Drucks. Diese Interpretation unterschlägt, dass der Mensch die Fähigkeit hat, über sich selbst zu reflektieren und zu sich selbst Stellung zu nehmen. Und es spricht viel dafür, dass diese Fähigkeit den Menschen zum Menschen macht, also etwa vom Tier unterscheidet.

Ist diese Differenzierung denn wichtig?

Durch den Bruch mit Effektivitätsdenken, mit Angemessenheitsdenken, mit Zweckrationalität können wir uns selbst gewahr werden: erleben, was uns als Menschen auszeichnet. Dadurch ist ein Exzentrizitätserlebnis möglich, das man – ganz im klassischen Sinne – als ästhetische Erfahrung bezeichnet. Man kann es auch mit Kant sagen: Es geht um ein „Lebensgefühl“, um das Gefühl, ein Mensch zu sein, und das heißt immer auch, keine funktionierende Maschine zu sein. Hartmut Rosa, der sein Arbeitszimmer 100 Meter neben meinem hat, weist oft und zu Recht darauf hin, dass wir mit einem zunehmenden Effektivitätsdenken, Beschleunigung und Optimierungswahn konfrontiert sind. Das hat Wirkungen, aber auch Nebenwirkungen: Eine bewusste Verweigerung wird attraktiver, weil sie die Erfahrung einer Mündigkeit erlaubt, nicht jemand zu sein, der, weil er immer den Vorstellungen vom Angemessen gehorcht, zu einer funktionierenden Maschine degradiert wird.

Wenn Luxus Lebensformen feiner definiert als Moral und Gesetz, wäre die Auseinandersetzung mit ihm angesichts aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen nicht besonders hilfreich?

Sie sprechen mir aus der Seele. In meinen phänomenologischen Beschreibungen bewerte ich bewusst nicht und man sollte generell bei Zuschreibungen vorsichtig sein.

Das macht Luxus philosophisch so spannend: Er lebt vom Bruch mit den eigenen privaten Ansichten dazu, was ein Mensch überhaupt ist, wie Menschen überhaupt leben sollten.

Sicherlich kann ein SUV ein reines Prestigeobjekt sein. Es kann aber auch sein, dass die technische Komplexität für den Besitzer ein Faszinosum darstellt. Es gibt keinen Grund mehr, eine komplizierte Uhr zu haben. Aber der Besitz dieser Gegenstände ist eine Möglichkeit, zu den Effektivitätsanforderungen Stellung zu beziehen. Dies schließt letztlich an einen Gedanken an, den ich von Friedrich Schiller übernehme: Er hat ja einerseits so treffend erkannt, dass Menschen sinnliche und rationale Anforderungen haben, aber andererseits eben auch, dass beide Anforderungen negative Ausprägungen durch Verabsolutierung und Vereinseitigung erleben können. Diejenigen, die nur nach ihren Trieben leben, bezeichnet er als Wilde, die, die nur nach Rationalitätskriterien – sozusagen totalitär vernünftig – leben, als Barbaren. Das scheint mir eine großartige Einsicht von Schiller zu sein: Menschen können in einer unvernünftigen Weise vernünftig sein – nämlich dann, wenn sie nicht mehr zu sich selbst Stellung nehmen, wenn sie sich selbst entmündigen. Es gibt jedoch viele Möglichkeiten, wie eine solche Emanzipation möglich ist. Nicht nur durch Luxus, sondern auch durch die Kunst oder im Sport, vielleicht auch Drogen. Es geht immer darum, zu spüren, was es heißt, ein Mensch zu sein – also selbst zu erleben, Stellung nehmen zu können. Wenn man Sie jetzt etwa zwingen würde, etwas zu tun, was vernünftig ist, handeln Sie nicht vernünftig. Sie handeln nur vernünftig, wenn Sie das wollen.

Das wiederum hat viele Implikationen für den gesellschaftlichen Wandel, der etwa aufgrund der Klimakrise wünschenswert wäre.

Da haben Sie recht: Wenn Sie etwa fordern, dass wir Energie einsparen, können Sie die Menschen dazu zwingen. Sie können sie auch zwingen, auf Flugreisen oder Fleisch zu verzichten. Aber die Menschen handeln dann nicht vernünftig. Vernünftiges Handeln verlangt, dass der Handelnde selbst von der Vernünftigkeit überzeugt ist. Sonst verhält er sich nur vernunftgemäß. Dieser Fähigkeit der Stellungnahme kann man sich über das Brechen gewahr werden. Und hier ist Luxus eine Option – und zwar für viele wohl eine attraktive, denn wir brechen mit Regeln in einer Weise, die gesellschaftlich akzeptiert ist, ähnlich wie in der Kunst.

Wenn Ressourceneinsparungen wünschenswert sind, heißt das nicht, dass die Möglichkeiten, sich Luxus zu gönnen, geringer werden?

Ganz im Gegenteil. Als Greta Thunberg nach Amerika zur Klimakonferenz reisen wollte, hatte sie das Ziel, es möglichst klimaneutral zu machen. Ich finde das ein sehr vernünftiges Ziel. Sie hat dafür aber kein übliches Segelboot genommen, sondern das, mit dem kürzlich Boris Herrmann die Vendée-GlobeWeltumsegelung gemacht hat. Das ist nun für eine einfache Atlantiküberquerung ein wahrlich sehr aufwändiges Boot; sie nimmt dies, obwohl auch ein einfaches Segelboot den Zweck hätte erfüllen können. Es ist ja eine handgefertigte Hochleistungsjacht nahezu komplett aus Karbon, die obendrein im Jachtclub von Monaco liegt. Sie hatte eine spezielle Crew mit zwei Profiseglern um sich, um sie über den Atlantik zu segeln. Wenn das kein übertriebener Aufwand ist, dann weiß ich nicht mehr, was übertriebener Aufwand ist. Luxus bedeutet immer, einen Zweck mit einem übertriebenen Aufwand zu verfolgen. Mit dem Schutz des Klimas kommen nun neue Zwecke dazu, die wir verwirklichen wollen und die wir auch sehr oder gar übertrieben aufwendig verwirklichen können. Luxus bricht mit einem Zweckmäßigkeitsdenken, bevor wir es moralisch verwerflich finden. Wenn wir beispielsweise Fleischessen moralisch verwerflich finden, können wir es nicht gleichzeitig als Luxus empfinden.

In Ihrem Buch „Luxus“ grenzen Sie Luxus auch deutlich von Schönheit ab. Warum ist diese Unterscheidung wichtig?

In der Philosophiegeschichte wird seit Immanuel Kant die Erfahrung, dass etwas für jemanden schön ist, an eine interesselose Betrachtung gebunden – wir hatten das schon. Eine Sichtweise, die wir sehr kultiviert haben und die heute sehr verbreitet ist. Kant selbst sieht, was das bedeutet: Er nennt als Beispiel die Pyramiden, die von Sklaven gebaut wurden. Man findet schnell viele Beispiele für aufwendige Dinge, von denen man weiß, dass sie unter unmoralischen Produktionsbedingungen hergestellt wurden, die aber eben laut Kant, wenn sie interesselos betrachtet werden, dennoch schön sein können. Das war der Grund, warum Adorno diese interesselose Beurteilung oft „kaltherzige Kontemplation“ nannte und hervorhob, dass Luxus den interessierten Besitz erfordert. Der Luxusliebhaber ist im Gegensatz zum Schönheitsliebhaber immer an den Produktionsverhältnissen interessiert und hat diese nicht a priori ausgeblendet. Wer Luxuserfahrungen sucht, ist eher sensibel, was Produktionsbedingungen und -techniken betrifft und in keinem Kontrast zu ökologischen Herausforderungen steht. Es gibt natürlich unmoralische Zyniker, die auf schlechte oder gar widerliche Produktionsbedingungen keine Rücksicht nehmen, auch wenn sie sie kennen. Aber die befinden sich dennoch in einer ganz anderen Liga als die Schönheitsliebhaber oder Ästhetizisten, die interesselos keine Fragen stellen. Die gesellschaftlich amoralischere Position ist der Ästhetizismus und nicht die des Enthusiasten.

Luxus ist nicht mit großen finanziellen Ausgaben verbunden, richtig?

Ja. Wie ich das meine, kann ich mit einer schönen Geschichte erklären, die sich in Heinrich Bölls „Ansichten eines Clowns“ findet. Darin beschreibt Böll den verarmten Industriellensohn Hans Schnier, der Clown ist und einen Schulfreund in Köln besucht. Dieser schenkt ihm zum Ende des Besuchs 50 Mark oder so und bringt ihn dann zum Busbahnhof. Der Bus kommt, Schnier geht am Bus vorbei und nimmt stattdessen das Taxi.

Der Luxusliebhaber ist im Gegensatz zum Schönheitsliebhaber immer an den Produktionsverhältnissen interessiert und hat diese nicht a priori ausgeblendet.

Ich finde, durch die Art der Beschreibung von Böll wird deutlich: Schnier wollte nicht jemand sein, der nur das macht, was man von ihm erwartet. Deshalb ist dies für mich ein Musterbeispiel einer Luxuserfahrung und ich schließe mich hier ganz Adorno an. Luxus entsteht aus der „Sehnsucht, der Sklaverei der Zwecke zu entfliehen“. Und derartige Verweigerung von Angemessenheit findet nicht nur im Hochfinanzsektor statt. Viele Studenten kennen diese Erfahrungen – wie ich mir hab’ erzählen lassen – vom Schallplattenhören. Die Vinylplatte ist irrational kompliziert und teurer. Sie ist in der studentischen Situation oft eine Verschwendung, wo doch Musik im Netz umsonst gestreamt werden könnte. Das sind Beispiele, die zeigen, dass Luxus nicht an eine extreme Höhe des Besitzes gebunden ist, sondern an den Besitz an sich. Man kann sogar vermuten, dass in höheren Einkommensklassen extremer Aufwand, der für viele übertrieben ist, häufiger als Normalität empfunden wird und daher nicht als Luxus. Um es zuzuspitzen: Wenn Sie größenwahnsinnig sind und meinen, alles steht Ihnen zu, können Sie keine Luxuserfahrung mehr machen.

In unserer bereits erwähnten Befragung hat die Antwortoption „Geld und teure Sachen besitzen zu können“ auf die Frage nach Luxus weniger Zustimmung bekommen als immaterielle Optionen. Überrascht Sie das?

Die Verweigerung von Angemessenheitsvorstellungen kann auch immateriell erfolgen. Der Soziologe Thorstein Veblen nennt in seinem Buch zur Leisure-Class neben dem Luxus auch den Müßiggang, dem man eine ähnliche Funktion zusprechen kann. Er kann beispielsweise in der Verweigerung von Effektivität bei der Zeiteinteilung bestehen. Etwa, wenn Sie trotz vollem Terminkalender lieber ein Eis essen gehen. Zudem gibt es nicht nur die Verweigerung des Angemessenen durch Übertreibung, sondern auch durch Untertreibung. Etwa, wenn Sie in die Oper gehen und mit ihrer eigenen Vorstellung über eine angemessene Kleidung brechen. Hegel ist in seinem Werk nur an einer Stelle auf Luxus eingegangen und da bezeichnet er Diogenes von Sinope mit seiner Tonne als „unartigen Luxus“. Das ist spannend, weil so schön doppeldeutig. Es bedeutet „frech“, aber auch „aus der Art gefallen“. Es ist frech und andersartig, weil die Erfahrung des Luxus nach Hegel hier durch untertriebenen und nicht übertriebenen Aufwand gesucht wird.

Luxus gab es immer und wird es immer geben?

Ja, die Luxuserfahrung ist ein anthropologisches Phänomen, das es immer gab und geben wird, solange es Menschen gibt. Aber es gibt gesellschaftliche Situationen, die den Luxus besonders interessant erscheinen lassen. Nämlich in Zeiten, in denen das Effektivitätsdenken, die Rationalität und Beschleunigung im Vordergrund stehen. Denn Luxus stellt hierzu – neben Kunst, Bildung, Sport – eine gesellschaftlich weitgehend akzeptierte Verweigerungsmöglichkeit dar.

Dieser Beitrag ist erstmalig in Lagemaß erschienen (zum Magazin)

Zum Weiterlesen:
Weder, C. und Bergengruen, M. (Hg.) (2011): Luxus. Die Ambivalenz des Überflüssigen in der Moderne, Göttingen
Armitage, J. (2020): Luxury and Visual Culture.Bloomsbury, London
Roberts, J., Armitage J. (eds.) (2016): Critical Luxury Studies: Art, Design, Media. Edinburgh University Press
Roberts, J., Armitage, J. (eds.) (2019): The Third Realm of Luxury: Connecting Real Places and Imaginary Spaces. Bloomsbury, London
Ullrich, W. (2008): Habenwollen: Wie funktioniert die Konsumkultur? Fischer Verlag, Frankfurt am Main
Wiesing, L. (2015): Luxus. Suhrkamp Verlag, Berlin

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