Kollege Computer übernimmt

Roboter Pepper

Dass viele Jobs aufgrund der Digitalisierung akut gefährdet sind oder verschwinden werden, gilt als ausgemacht. Der US-amerikanische Ökonom und Soziologe Jeremy Rifkin beispielsweise hat keine Zweifel an erheblichen Umwälzungen, verkündet eine dritte industrielle Revolution und ruft gar das Ende der Arbeit aus.1 Die Unternehmensberatung A.T. Kearney geht nicht ganz so weit, ist aber überzeugt, dass annähernd jeder zweite Arbeitsplatz (45 Prozent) in den kommenden 20 Jahren verschwinden wird.2 Die Wissenschaftler Frey und Osborne haben rund 700 Berufe in den USA analysiert und geben 47 Prozent davon nur geringe Zukunftschancen.3
Derlei Prognosen sind durchaus umstritten. Das Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim zweifelt beispielsweise die Ergebnisse von Osborne und Frey teilweise an.4 So basieren deren Hochrechnungen auf Experteneinschätzungen, die wiederum infrage gestellt werden können. Auch der Nobelpreisträger und Ökonom Robert M. Solow äußert Zweifel an den prognostizierten massiven Umwälzungen der Arbeitswelt durch die Digitalisierung. Das nach ihm benannte Solow-Paradox beschreibt den Effekt einer Produktivitätssenkung durch Automatisierung.

Selbst komplexe Verträge sind mittelfristig eine Aufgabe für den Computer.

Dass die Expertenmeinungen so stark variieren, hat seine Ursachen in der Komplexität und den zahlreichen Einflussfaktoren bei der Digitalisierung der Arbeit.
Als ausgemacht gilt, dass vor allem automatisierbare Tätigkeiten, etwa am Fließband, durch die Digitalisierung gefährdet sind. Der Austausch von Fließbandarbeitern durch Roboter ist bereits in vollem Gange. Viele Verwaltungsaufgaben, bei denen früher Formulare ausgefüllt und Papiere gewälzt wurden, sind längst ein vollautomatischer digitaler Prozess. Diese Veränderung, also der 1:1-Austausch des Menschen durch die Maschine, ist vergleichsweise einfach nachzuvollziehen.
Inzwischen geht es dabei auch höher qualifizierten Berufen an den Kragen. Nachdem Mitarbeiter am Bankschalter bereits durch Geldautomaten ersetzt wurden, ist beispielsweise auch das mittlere Bankenmanagement gefährdet. Aufgrund seiner stetig und stark wachsenden Rechenleistung sind selbst komplexe Verträge mittelfristig eine Aufgabe für den Computer.

Nicht nur ersetzt, sondern nicht mehr da

Komplexer sind die Vorhersagen für den Arbeitsmarkt in Bezug auf Entwicklungen, bei denen sich Aufgaben ändern oder wegfallen. Blockchain5 beispielsweise ist, verkürzt gesagt, eine globale, dezentrale und computerbasierte Buchführung und erst durch die gestiegene Computerleistung und eine weltweite Vernetzung möglich. In der Theorie ersetzt Blockchain die bisher erforderliche „Vertrauensperson“ zwischen Vertragspartnern und macht so viele Tätigkeiten im Handel, im Bankenund Versicherungswesen oder in der Juristerei überflüssig. Die möglichen Konsequenzen für den Arbeitsmarkt sind hier kaum zu überschauen. Es darf aber bezweifelt werden, dass in diesen Branchen alle wegfallenden Stellen durch solche mit neuen Aufgaben ersetzt werden können.
Paradoxerweise sind selbst Digitalberufe von der Digitalisierung betroffen. Zwar wird hier der Bedarf an Experten auch langfristig hoch sein, doch bereits heute bleiben viele Programmierer auf der Strecke. Das Knowhow wandelt sich derart stark, dass sie den Anschluss verlieren. Das dürfte mit dazu beitragen, dass es bereits heute rund 50.000 Arbeitslose in den IT-Berufen gibt6, obwohl hier doch ein hoher Fachkräftebedarf herrscht.
Hinzu kommt, dass teilweise Dinge, die gestern noch individuell programmiert wurden, heute zunehmend in Programmbibliotheken global verfügbar sind. Die Effizienz der Branche hat sich in den vergangenen Jahren drastisch gesteigert. Die Entwickler digitaler Prozesse werden von ihrem eigenen Werk ersetzt – läuft der digitale Prozess, werden sie nicht mehr gebraucht.

Aussagen zum Berufsleben
Dass die Digitalisierung der Arbeitswelt vielschichtige Konsequenzen hat, wird in der Bevölkerung noch wenig wahrgenommen. Das zeigen Ergebnisse der Vermächtnisstudie, einer gemeinsamen Untersuchung von infas, dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und DIE ZEIT. Von den bevölkerungsrepräsentativ befragten 3.000 Personen fürchtet praktisch niemand, dass seine Arbeit durch die Digitalisierung gefährdet ist: Gerade einmal drei Prozent der arbeitenden Bevölkerung meinen, dass ihr Job durch eine Maschine erledigt werden könnte, 88 Prozent verneinen das. Die Jüngeren, unter 35-Jährigen, sehen noch am ehesten die digitale Konkurrenz. Diese Zuversicht mag auch mit der gegenwärtig hohen Beschäftigungsquote in Deutschland zusammenhängen.
Gleichzeitig wird die zunehmende Technisierung wahrgenommen. Jeder Zweite ist überzeugt, dass er mit entsprechender Technik seine Arbeit an jedem Ort der Welt erledigen kann. Annähernd jeder Vierte gibt an, dass bei seinem Job Computer und Maschinen den Takt vorgeben. Die Digitalisierung hat also durchaus bereits deutliche Auswirkungen auf die berufliche Tätigkeit. Gefährdet wird sie aber nach Ansicht der Befragten dadurch nicht.

Es sind gegenwärtig eher die Auswirkungen auf bestehende Arbeitsprozesse, die die Bevölkerung wahrnimmt, als die potenzielle Gefährdung von Jobs.

Selbst Studenten und Berufstätige in den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) teilen diese Einschätzung. Das zeigt die aktuelle Karriere-Studie, die infas für den Technologiekonzern Continental seit einigen Jahren durchführt (früher Studenten-Umfrage).7 Befragt wurden hier je 1.000 Studenten und 1.000 Berufstätige in MINT-Fächern im Alter zwischen 35 und 50 Jahren in Deutschland. Auch in dieser Teilgruppe, die dem Thema Digitalisierung nahe sein sollte, glaubt praktisch niemand, dass sein Beruf durch diese gefährdet sei (2 bzw. 3 Prozent). Dass die Digitalisierung jedoch Auswirkungen auf das Arbeitsleben haben wird, erwarten 81 Prozent der befragten Studenten und 68 Prozent der Berufstätigen. Gleichzeitig haben viele Befragte aber Mühe zu erklären, was Digitalisierung der Arbeitswelt für sie eigentlich bedeutet. Am ehesten verbinden sie die digitalen Veränderungen mit Cloud Working (60 und 34 Prozent), Home-Office (55 und 50 Prozent), Collaborative Work (50 und 31 Prozent) oder dem „papierlosen Büro“ (25 Prozent und 12 Prozent). 41 Prozent der Studierenden und 43 Prozent der Berufstätigen sehen im digitalen Wandel mehr Chancen als Risiken. Allerdings sind die Befragten auch überzeugt, dass die Digitalisierung mehr Flexibilität, mehr stetige Erreichbarkeit und mehr Stress verursachen wird.

Die Studie „Arbeitsqualität und wirtschaftlicher Erfolg“, die infas für das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) und das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) durchgeführt hat, bestätigt das. Von den 7.500 befragten Beschäftigten geben beispielsweise 17 Prozent der Angestellten und 11 Prozent der Arbeiter an, während ihrer Freizeit dienstliche Anrufe zu erhalten oder Mails beantworten zu müssen. Smartphone und Internet befördern den Wunsch von Arbeitgebern, ihr Personal ständig erreichen zu können. Würden tatsächlich umfangreich Arbeitsplätze wegfallen, wie von manchen Experten prophezeit, würde das die deutsche Bevölkerung hart treffen. Denn Arbeit ist hierzulande seit Jahrzehnten unverändert ein elementares Bedürfnis, wie unter anderem die Vermächtnisstudie zeigt: 85 Prozent der erwerbstätigen Deutschen ist es wichtig, eine Arbeit zu haben. 90 Prozent meinen, auch zukünftigen Generationen sollte das wichtig sein. Und entgegen mancher Stammtischäußerung sind stattliche 58 Prozent der arbeitenden Bevölkerung mit ihrer beruflichen Tätigkeit zufrieden. Erwerbsarbeit ist so wichtig und sinnstiftend, dass rund 55 Prozent der Bevölkerung auch arbeiten gehen würden, wenn sie das Geld nicht benötigen.

Stellenwert der Erwerbstaetigkeit

Bedingungsloses Grundeinkommen als Lösung?

Sollte eine Vollbeschäftigung aufgrund der Digitalisierung ein illusorisches Ziel werden, könnte die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens helfen, monetären Ausgleich zu schaffen. Mit dieser alten, bereits von Milton Friedman analysierten, Idee liebäugeln verschiedene Gründer im Silicon Valley – etwa Elon Musk, CEO von Tesla und SpaceX, oder Marc Andreessen, Aufsichtsratsmitglied bei Facebook und Twitter-Investor.
Für Tim O‘Reilly, CEO von O‘Reilly Media und ebenfalls ein Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens, wird das aber nicht reichen. Denn Geld alleine macht nicht glücklich. Vielmehr wird auch ein adäquater Ersatz für die Erwerbsarbeit an sich gefunden werden müssen, weil Arbeit eben sinn- und identitätsstiftend ist und längst nicht mehr nur dem Broterwerb dient.
Neben der finanziellen Absicherung müssen also auch alternative Beschäftigungen entwickelt werden, anderenfalls wird es zu Friktionen kommen. Das bedingungslose Grundeinkommen greift also nur eines von zwei möglichen Problemen auf.
Die Arbeitswelt hat schon viele Transformationen gesehen, von der Agrar- zur Industrie- und weiter zur Dienstleistungsgesellschaft. Dabei sind bisher selbstverständliche Berufe weggefallen und neue, bisher unvorstellbare entstanden. Der Wandel hat Gewinner, immer aber auch Verlierer hervorgebracht. Bei der Digitalisierung der Arbeitswelt wird es ein weiteres Mal darum gehen, die Zahl der Verlierer möglichst klein zu halten.

Zum Weiterlesen:
1 http://www.theeuropean.de/jeremy-rifkin/9333-die-zukunft-der-arbeitswelt
2 https://www.atkearney.de/pressemitteilung/-/asset_publisher/00OIL7Jc67KL/content/45-prozent-jobs-durch-roboter-bedroht
3 http://www.oxfordmartin.ox.ac.uk/downloads/academic/The_Future_of_Employment.pdf
4 ftp://ftp.zew.de/pub/zew-docs/gutachten/Kurzexpertise_BMAS_ZEW2015.pdf
5 https://de.wikipedia.org/wiki/Blockchain
6 Statistik der Bundesagentur für Arbeit
7 http://www.continental-corporation.com/www/presseportal_com_de/themen/initiativen/karriereumfrage/